Monthly Archives: October 2014

Samstag 20. 09. 2014: Auf Tuchfühlung mit Antiken Truhen und einem Wal + Die Rettungsaktion

Am Samstag teilten wir uns in zwei kleine Gruppen mit unterschiedlichen Tagesprogrammen auf. Backi, Isabel, die ihre Bachelor-Arbeit über barrierefreien Tourismus schreibt, Caro, Oma und ich fuhren nach Jever und Wilhelmshaven, während die anderen sich unter anderem eine Sehhundstation anschauten.

Als wir vor dem Schlossmuseum Jever aus unserem Kleinbus ausstiegen, begrüßte uns ein melodiöses Glockenspiel, dessen gläserne Töne vom Schlossturm zu uns herunter wehten. Das Hauptgebäude ist in einem zarten Rosa-Ton gestrichen und der weiße Turm steckt momentan in einem Baugerüst. Später erfuhren wir, dass der Turm vor einiger Zeit verputzt und gestrichen wurde, was jedoch die alten Steine am Atmen hindert. Dem entsprechend muss die Fassade jetzt wieder abgekratzt werden, um die alte Bausubstanz nicht weiter zu beschädigen.

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Bild: Schloss Jever

Im Foyer wurden wir von Karin Steiner, einer Museumsmitarbeiterin begrüßt. Das Schlossmuseum bietet Führungen für Senioren, Rollstuhlfahrer, Blinde und Kinder an und ein Fahrstuhl ist vorhanden. Frau Steiner begleitet diese Führungen schon seit achtzehn Jahren und ist immer noch mit voller Begeisterung dabei. Leider sieht es momentan nicht danach aus, als würde sie irgendwann einmal eine_n Nachfolger_In finden. Ich habe selten an so einer individuell vorbereiteten und anschaulich gestalteten Museumsführung Teilgenommen.

Da die ausgestellten Objekte in Museen verständlicherweise selten berührt werden dürfen, sind Blinde und Sehbehinderte zumeist von den subjektiven Beschreibungen einer Begleitung abhängig und logischerweise haben die meisten Sehenden wenig Lust jede einzelne Hinweistafel vorzulesen, die sie selbst nur überfliegen. In letzter Zeit bieten Museen jedoch verstärkt Tastführungen an. Im Schlossmuseum Jever wurden die normalerweise verschlossenen Räume im Untergeschoss extra für uns geöffnet. Wir durften sogar alte Gemälde von Landschaften, Adligen und Künstlern anfassen, um die verschiedenen Strukturen der Leinwand und der Farbschichten zu fühlen. Es gab wunderschöne verschnörkelte Holztruhen und Kamine, Skulpturen von Steinlöwen, Ledertapeten, Spinnräder, Möbel und Geschirr aus der Vergangenheit zu betasten. Frau Steiner erklärte uns sogar, wie ein leuchtendbunter Schrank nur mit Naturfarben angestrichen wurde. Nach mehr als einer Stunde zierten unsere Fußabdrücke das kunstvolle Muster in der guten Stube und unsere Finger waren voller Staub der letzten Jahrzehnte – vielleicht sogar Jahrhunderte.

Der Rundgang durch ihren Alltag brachte uns den ehemaligen Schlossbewohnern viel näher als eine endlose Abfolge von Daten und Fakten. Zum Abschluss stiegen Isabel und ich noch auf den Schlossturm, bevor wir alle bei schönstem Sonnenschein durch den angrenzenden Park schlenderten.

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Bild: Ein Himmelbett aus der Ausstellung.

Zum Mittagessen fuhren wir in das kürzlich eröffnete Restaurant Laarni in Wilhelmshaven. Die Einrichtung sieht aus, als wäre sie einem super stylischen Magazin für Innenarchitektur entnommen – Jede Ecke, selbst der Toilettenvorraum ein echter Hingucker. Wir saßen auf der Terrasse auf der es auch einen kleinen künstlichen Teich und bequeme Liegestühle gab. Ich aß Seelachs auf Algensalat – schließlich war ich an der Nordsee und wollte so viel Fisch wie möglich essen. Zum Nachtisch gab es ein Sesameis, ein eher herzhaftes Eis mit Sesamkörnern und einer kleinen Pipette mit extra Sesamöl zum drüber träufeln. Selbst die Teller waren besonders: Einige waren gebogen und andere hatten sogar eine Mulde in die genau eine Eiskugel passte. Definitiv das richtige Restaurant um stielvoll und entspannt zu speisen.

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Bild: Auf der Terrasse des Restaurants.

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Bild: Sesameis.

Gut gestärkt fuhren wir weiter zum Onesco-Weltnaturerbe Wattenmeer Besucherzentrum]– kurz Wattenmeerhaus genannt. Die Ausstellungsräume befinden sich in einem futuristischen Gebäude, dessen Glasfassade ein Bild des Watts zeigt. Parallel zu unserer Führung wurde auch ein Kindergeburtstag veranstaltet. Viele kulturelle Einrichtungen in der Region scheinen sich darauf zu spezialisieren, spezielle Angebote für verschiedene Zielgruppen zu entwickeln.

Zuerst bestaunten wir eine Reliefplatte mit Umrissen der verschiedenen Walarten. Gegenüber dem heimischen Schweinswal, der nur geringfügig größer ist als ein Mensch, erschienen Blau und Pottwale gigantisch. Diese größeren Exemplare verirren sich gelegentlich an die Nordseeküste, da ihre Orientierung von Störgeräuschen beispielsweise den Signalen von U-Booten beeinträchtigt wird. Viele dieser Wale stranden und verenden qualvoll, trotz zahlreicher Bemühungen sie wieder ins offene Mehr zu transportieren. Spontan viel mir das Lied „Schieb den Wal zurück ins Meer“ von den Toten Hosen ein und es dauerte mehrere Minuten diesen lästigen Ohrwurm wieder zu vertreiben – schließlich ist es äußerst unangebracht eine fröhliche Melodie vor sich hin zu summen, wenn es um sterbende Tiere geht.

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Bild: Wir betasten die Reliefplatte.

Als nächstes inspizierten wir ein zweiundzwanzig Meter langes Blauwalskelett. Die bleichen Rippen waren gigantisch und fühlten sich glatt und eben an. Die Zähne im riesigen Unterkiefer waren nicht besonders spitz aber fast so groß wie meine Faust. Die inneren Organe und ein Stück Haut mit diversen Fettschichten waren neben dem Skelett ausgestellt, nur das Herz von einem Meter Durchmesser befand sich wieder zwischen den Rippen. Die Organe wurden von Gunther Von Hagens (dem Erfinder der Körperweltenausstellungen) plastiniert. Diese Plastinate sehen gleichzeitig echt und sogar ästhetisch aus. Sie fühlen sich an wie gummiertes Plastik und man kann die vershiedenen Bestandteile detailliert fühlen.

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Bild: Ich vor dem Walskelett.

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Bild: Das Herz des Wales zwischen den Rippen. Es hat einen Durchmesser von einem Meter.

Fasziniert lief ich an dem Skelett entlang und fühlte mich wie Pinocchio der von einem Wal verschluckt wurde und eine Weile in ihm lebte. Gedankenverloren berührte ich etwas langes, schwarzes an der Unterseite des Tieres und begriff nach einigen Sekunden, dass es sich um den Penis handelte. Etwas peinlich berührt zuckte ich zurück, da meiner Meinung nach selbst ein plastinierter Wal irgendwie ein Recht auf Privatsphäre hat. Natürlich sind Scham und individuelle Würde von Menschen erfundene Ideale, aber trotzdem…

In der ersten Etage durften wir einen ausgestopften Babyseehund anfassen. Wegen dem lauten Schreien nach ihrer Mutter werden diese auch Heuler genannt. Das Fell des Heulers war überraschend weich und heller als man es aus Fernsehdokumentationen kennt, aber dieses Exemplar war trocken und lebende Seehunde sind eigentlich ständig nass, wodurch sie dunkler wirken.

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Bild: Ausgestopfter Babyseehund.

Daneben gab es einen Knutt – ein kleiner grauer Vogel mit spitzem Schnabel. Dieser unscheinbare Vogel fliegt 5000 Kilometer von Afrika zur Nordseeküste, ohne irgendwo länger zu rasten. Dabei sinkt sein Gewicht von 190g auf 100g. Am Meer angekommen frisst er sich ungefähr einen Monat lang mit täglich 700 kleinen Muscheln voll, bevor er weitere 5000 Kilometer nach Sibirien fliegt. Unglaublich Energieeffizient und es muss hunderttausende von Muscheln geben, um all diese Vögel satt zu bekommen. Nach der Führung fuhren wir auf die Dachterrasse von der wir den Strand sehen konnten.

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Bild: Der Knutt und Ich.

Die Rettungsaktion

Am Strand angekommen war ich die einzige, die Schwimmen gehen wollte. Ich liebe das Meer und dies war mein erster Besuch an der Nordsee. Ich bin eine gute Schwimmerin und finde mit meinem Sehrest auch immer zurück an die Küste, das Problem ist nur, dass ich oft nicht dort rauskomme wo ich rein gegangen bin, Oma und Caro liefen am Strand entlang und wollten mich rufen, wenn sie mich aus dem Wasser kommen sahen. Also schwamm ich los. Das Wasser war angenehm warm, kleine Wellen umspülten mich und ich vergaß alles um mich herum. Nach einer Weile sah ich ein Segelboot, das ziemlich nah heran kam und mich umkreiste. Ich schaute mich um und bemerkte, dass die Wellen der ausgehenden Tide mich weiter vom Land weggetragen hatten als erwartet. Links von mir war plötzlich eine Steinmauer, die mir vorher nicht aufgefallen war. Ich blieb seltsam ruhig und begann an der Mauer entlang in Richtung Strand zu schwimmen. Die Strömung war gegen mich und teilweise hatte ich das Gefühl, überhaupt nicht vorwärts zu kommen.

Irgendwann sah ich jemanden auf der Mauer stehen und winken Ich schwamm näher und ein Mann rief, er würde mir jetzt einen Rettungsring zuwerfen. Einen Rettungsring? Ich verstand überhaupt nicht wozu ich einen Rettungsring brauchen sollte und brüllte zurück: „Ich brauche keinen Rettungsring. Da vorne ist doch der Strand oder?“

Der Mann zeigte in irgendeine Richtung und ich beschloss einfach weiter an der Mauer entlang zu schwimmen. „Mein Retter“ lief weiter auf der Mauer neben mir her. Nach einigen Minuten rief er, rechts von mir wäre eine Leiter und ich solle dort hochklettern. Also stieg ich ein paar steile Eisenstufen hinauf, schließlich hatte der Mann bestimmt etwas Besseres zu tun als neben mir herzulaufen und so langsam hatte ich keine Lust mehr weiter zu schwimmen.

Auf der Mauer angekommen entdeckte ich, dass der Mann kein Passant oder jemand von der DLRG war, sondern ein Polizist. Er war offensichtlich kurz davor gewesen ins Wasser zu springen, da er bereits seine Schuhe ausgezogen, den Gürtel abgelegt und die Taschen geleert hatte. Am Straßenrand waren ein Polizeiauto und ein Rettungswagen geparkt. Ein Sanitäter kam auf mich zu und fragte, ob ich medizinische Hilfe bräuchte. Ich schüttelte verblüfft den Kopf und fühlte mich wie in einer shlechten Fernsehserie.

Der Polizist fragte, warum ich denn in die Fahrbahn der Schiffe geschwommen sei und als ich antwortete, dass ich sehbehindert bin und das nicht gesehen hätte, ließ er die Sache auf sich beruhen. Als er meine Personalien aufnahm kamen Caro und Oma angerannt und hielten mir eine Standpauke, was ich mir denn dabei gedacht hätte über eine Stunde im Wasser zu bleiben und so weit raus zu schwimmen. Langsam begriff ich, dass das Ganze wohl doch gefährlicher gewesen war, als ich gedacht hatte und bekam ein schlechtes Gewissen. Hoffentlich muss ich den Polizeieinsatz nicht bezahlen.

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Bild: Das Meer mit Hafen.

Wir lehnten das Angebot ab mit dem Polizeiauto zum Strand zurück zu fahren und als wir uns auf den Rückweg zu unserm Strandkorb machten, erzählten mir Oma und Caro, wie der ganze Strand nach mir Ausschau gehalten hatte, wie die Einheimischen sie vor der Strömung gewarnt hatten und wie sie letztendlich den Notruf auslösten.

Nach all der Aufregung gingen wir in ein Strandcafé, Oma bekam einen Schnaps und allmählich fingen wir an dumme Witze über den Vorfall zu machen. Zum Beispiel wollte jemand wissen, warum ich mich nicht von dem gutaussehenden Polizisten retten lassen habe.

Am Abend veranstalteten wir einen Grillabend in der Jugendherberge und je öfter die Geschichte meiner Rettungsaktion erzählt wurde, desto aufregender schien sie zu werden. Oma erteilte mir Badeverbot für den Rest des Urlaubs und ich bekam den Spitznamen Miss Baywatch. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob das ein Kompliment ist.

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Freitag 19. September 2014: Warum ist das Bad Zwischenahner Meer nicht Salzig?

Ostfriesland liegt an der Nordsee, dort redet man Plattdeutsch und Trinkt Tee mit Sahne und Kandiszucker… Das war so ungefähr alles, was mir spontan zu Ostfriesland einfiel und ich entschied, dass in diesem Fall keine Vorbereitung die beste Vorbereitung war, nominierte meine Oma als Reisebegleitung, setzte mich in den Regionalzug – genauer gesagt in vier Züge – und schon war ich in Bad Zwischenahn.

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Bild: Meine Oma und Ich.

In der Jugendherberge  angekommen,  bezogen Oma und ich zuerst unser Zimmer, welches mit zwei Doppelstockbetten, Schrank, Tisch und Stühlen ausgestattet war. An den Hauptraum schlossen sich eine Terrasse und ein Bad an. Die Dusche war ebenerdig, leider gab es keine Haltegriffe an den Wänden, wodurch die Zimmer eher nicht für Rollstuhlfahrer geeignet sind.

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Bild: Ein einstöckiges, rotes Gebäude der Jugendherberge.

Anschließend schlenderten wir durch das weitläufige Gelände, wo es Schaukeln, eine Kinderseilbahn, Sportfelder und jede Menge grün gab. An einem kleinen Steg dümpelten Segelboote und einige Surfer schoben sich gegenseitig durch das nahezu windstille Wasser. Ich war begeistert – eine Unterkunft direkt am Meer! Kurzerhand beschloss ich, vor dem Abendessen noch schnell schwimmen zu gehen.

Der Boden war sehr schlammig und das Wasser blieb lange zu flach zum Schwimmen. Ich tauchte unter und wunderte mich, warum dass Wasser kein bisschen salzig war. Ich trank einen Schluck – nein, definitiv kein Salzwasser.

Zum Abendessen trafen wir uns alle im Strandcafé, dass etwa eine Viertelstunde Fußweg von der Herberge entfernt ist. Wir hatten die Wahl zwischen Essen á la Card oder Fischbuffet.

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Bild: Ein liebevoll angerichteter Teller mit Räucheraal auf Brot.

Über einem Riesenteller Fisch-Mix gab ich meine Entdeckung – ein unsalziges Meer gefunden zu haben – zum Besten und erfuhr, dass es sich beim Bad Zwwischenahner Meer überhaupt nicht um ein Meer sondern um einen See handelt. Also wirklich Süßwasser! Ich war verwirrt: Warum heißt es denn dann Meer? Immerhin ist es ein ziemlich großer See, es fahren Boote drauf und ich hatte ein erfrischendes Bad.

Ich liebe Geschichten und die Entstehungssage des Zwischenahner Meers gefällt mir besonders gut: Der Legende nach war der Teufel einst so zornig darüber, dass in Oldenburg die erste Kirche der Welt gebaut werden sollte, dass er einen Wald ausriss um ihn nach Oldenburg zu schleudern. Glücklicherweise verfehlte das teuflische Wurfgeschoss sein Ziel und die Kirche wurde trotzdem gebaut. Das große Loch wo einst der Wald gewesen war füllte sich mit Wasser und wurde das Zwischenahner Meer. Da hat sich der Teufel wohl im Detail vertan.

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Bild: Einige Teilnehmer der Reisegruppe.

Den Rest des Abends verbrachten wir auf der Terrasse des Restaurants und lernten die anderen Teilnehmer_Innen in ungezwungenen Gesprächen kennen. Natürlich durfte ein großes Jever nicht fehlen. Als es kühl wurde, brachte mir eine Kellnerin sogar eine Decke – dass nenne ich Service! Wiebke und Caro von Ostfriesland.de teilten das Survival-Paket für die nächsten Tage aus: Eine praktische Stofftasche mit Regenschirm, Sonnenmilch, Desinfektionsspray, einem ostfriesisch Wörterbuch, nützlichen Prospekten, Schreibutensilien und einer Mütze. Ausgestattet mit dieser Ausrüstung und umgeben von einem bunt gemischten Haufen reiselustiger Leute, war ich mir sicher, das wird ein tolles Wochenende!

Meine Bloggerreise Barrierefreies Ostfriesland: 19. bis 23. September 2014

Über eine Mailingliste für Blinde und Sehbehinderte Reisefreunde flatterte vor Monaten eine Ausschreibung von Ostfriesland.de in meinen überfluteten Posteingang. Gesucht wurden Blogger, die Tourismusangebote in Ostfriesland auf ihre Barrierefreiheit testen. Bewerben sollten sich hauptsächlich Menschen mit Behinderung, Senioren und Familien mit Kindern. Eine eigenartige Mischung? – Finde ich nicht, denn Barrierefreiheit ist ein vielseitiges Thema und je mehr Menschen an ihrer Umsetzung beteiligt sind, desto besser. Also bewarb ich mich mit meinen Rezensionen von ARTI-Leipzig, einem alternativen Kulturmagazin, und bekam überraschenderweise eine Zusage.

In den folgenden Beiträgen berichte ich von meinem verlängerten Wochenende in Bad Zwischenahn und auf Langeoog.