Spieglein Spieglein an der Wand Hast Du ´nen Knick in der Optik oder was? – Sehbehinderung und Mode


Dieser Beitrag wurde in verkürzter Form in der Maiausgabe der „Gegenwart“, der Verbandszeitschrift des DBSV veröffentlicht.

Mode – das ist etwas für meine kleine Schwester, die gerade ihre Begeisterung für Klamotten und Make-up entdeckt. Ich interessiere mich nicht sonderlich dafür. Doch je länger ich über das Thema nachdenke, desto klarer wird mir eine Erkenntnis: Kleidung kann niemandem völlig egal sein. Jeder muss sich der Witterung und dem sozialen Umfeld anpassen, wenn er nicht krank oder angestarrt werden will. Und auch „praktisch“, „bequem“ und „billig“ sind Kriterien einer bewussten Kleiderwahl.

Ich bin 23 – in einem Alter, in dem sich angeblich alle Frauen für Mode interessieren. Mit meinem Sehrest von fünf Prozent erkenne ich Farben und Umrisse. Ich stehe nicht jeden Morgen vor dem Spiegel und ärgere mich, dass ich mich nicht richtig erkennen kann. Stattdessen freue ich mich über alles, was ich noch sehe und schaue mir gerne an, was andere Frauen tragen. Meine Mutter und ich haben viel Spaß, wenn sie mir die modischen Entgleisungen von Passanten beschreibt. Da ich Gesichtszüge kaum wahrnehme, erkenne ich Freunde an ihrer Kleidung und Haarfarbe, wenn ich weiß, was sie anhaben. Als zu meiner Schulzeit darüber diskutiert wurde, in Deutschland Schuluniformen einzuführen, geriet ich daher nahezu in Panik. Es wäre eine große Umstellung, ohne meinen Sehrest zurechtkommen zu müssen.

Sehende sind oft erstaunt, wenn sie herausfinden, dass der Alltag von Blinden und Sehbehinderten nicht wesentlich anders abläuft als ihr eigener. Ich wurde einmal gefragt, wie ich mich denn alleine anziehe, worauf ich ziemlich unwirsch antwortete, dass soweit ich weiß sich niemand mit den Augen anzieht. Genauso nervt es mich, wenn davon ausgegangen wird, dass wir alle die gleichen Hilfsmittel und Orientierungen nutzen. Besonders verschiedene Sehbehinderungen sind oft nicht miteinander vergleichbar und jede_r muss in dieser Hinsicht eigene Methoden finden oder Tipps selbst ausprobieren. Auch wenn es mir vielleicht helfen würde, habe ich kein durchstrukturiertes Ordnungssystem in meiner Wohnung und ich sortiere auch keine Kleidungsstücke nach Farben. Allerdings hänge ich sie vorzugsweise auf Bügel, da ich sie so oft schon durch flüchtiges Anfassen unterscheiden kann und nicht ständig alles neu zusammenlegen muss.

Die Entwicklung meines Kleidungsstils hat nichts mit meiner Sehbehinderung zu tun.

Als kleines Kind zog ich an, was meine Mutter für mich ausgesucht hatte. Beim Anblick von Fotos mit knallbunten Kleidchen und weißen Socken in Sandalen schüttle ich zwar heute den Kopf, aber das war wohl in den 1990er Jahren Mode.

Als Teenager war mein Kleidungsstil genauso wechselhaft wie meine Launen. Ich las die Styling-Tipps in der „Bravo“ unter einem Lesegerät und ließ mich von anderen Mädchen und Fernsehsendungen inspirieren. Ziellos trieb ich auf den Modewellen dahin. Einen Sommer sollte alles orange sein, im nächsten Jahr pink. Ich mochte lange Ohrringe, Fell, Haarbänder und Glitzersteinchen und versuchte, alles Kindliche hinter mir zu lassen.

Mit 16 Jahren kam ich in meine Punk-Rock-Phase.

Ich war nie ein richtiger Punk oder eine Gothic-Diva, aber ich mochte den Stil – auch wenn ich nie den Mut hatte, ihn völlig zu übernehmen. Piercings und Tattoos hätte meine Mutter sowieso nicht erlaubt und die Klamotten in den Gothic-Läden waren ziemlich teuer. Einige Jahre lang trug ich fast nur Schwarz, Grau und Armeemuster, vorzugsweise mit Totenköpfen, Nieten und Leder. Meine Lieblingshaarfarbe war Pflaumenlila. Falsche Krawatten, Nietenarmbänder und ein schwarz-rot-karierter, zylinderähnlicher Hut waren meiner Mutter ein Dorn im Auge. Doch auch wenn mein geliebter Hut eines Tages auf mysteriöse Weise verschwand, hat sie selten versucht, mir ein Kleidungsstück auszureden.

Im Nachhinein glaube ich, dass ich lieber durch mein Aussehen als durch meine Sehbehinderung auffallen wollte. Wenn ich schon angestarrt werde, dann wegen etwas, das ich selbst beeinflussen konnte. Das ist eine pubertäre Einstellung, war für mich damals aber eine konsequente Reaktion.

Heute mag ich immer noch dunkle Farben, aber inzwischen finden sich auch Rot, Pink, Blau und Pastellfarben in meinem Schrank. Die Totenköpfe sind verschwunden und zerrissene Jeans werden nicht extra weiter zerschnitten, sondern landen im Müll. Die Haare färbe ich mir wahrscheinlich erst wieder, wenn sie grau werden. Insgesamt ist mein aktueller Stil eher sportlich und praktisch: Jeans und T-Shirt oder auch mal eine Bluse. Im Sommer ziehe ich gerne Röcke oder Kleider an. Ich mag Oberteile mit raffinierten Schnitten und verschiedenen Texturen. In High Heels kann ich nicht laufen und Rucksäcke finde ich praktischer als Handtaschen. Aber Tücher, Schals und Mützen kann man nie genug haben. Letzten Winter hatte ich eine Schwäche für Gestricktes, auch wenn Handwäsche mehr Arbeit macht.

Klamotten Shoppen

Wenn ich, meist in Begleitung meiner Mutter, shoppen gehe, habe ich eine ungefähre Idee im Kopf, was ich kaufen möchte. In der richtigen Abteilung angekommen, gehe ich an den Kleiderständern entlang, schaue mir Farben und Muster an, befühle das Material und sage meiner Mutter, was ich anprobieren möchte. Sie sucht mir dann die passende Größe heraus.

Meine Mutter ist zwar auch kein Modefreak, aber sie hat eine gute Vorstellung was mir steht und was nicht und sie sagt ehrlich wenn sie etwas unmöglich findet. Eine Shoppingbegleitung die zu allem einfach „ja, sieht gut aus“ sagt, ist keine Hilfe. Ich habe auch schon Verkäuferinnen um Hilfe gebeten, dann wusste ich genau was ich suche wodurch es relativ schnell ging. In großen Läden haben die Verkäuferinnen oft wenig Zeit und ich würde mich unter Druck fühlen, wenn sie mir die ganze Zeit nachlaufen müssen, um die Größen für mich zu finden.

Selbst mit der Lupe nach Größen und Preisen zu suchen, wäre mir bei einer ausgedehnten Shoppingtour zu frustrierend. Mir ist wichtig, wie sich der Stoff anfühlt, schließlich muss ich ihn den ganzen Tag auf der Haut tragen. Oft bemerke ich erst beim Anprobieren eines Kleidungsstücks, dass es anders geschnitten ist, als ich dachte, oder entdecke ein Schmuckelement, das mir nicht gefällt. Abhängig von Farbe und Kontrast, kann ich teilweise größere Aufdrucke auf T-Shirts lesen. Wenn ich nicht weiß, was ein Schriftzug auf einem Shirt bedeutet oder ich seiner Bedeutung nicht zustimme, kaufe ich es nicht. Ein Spruch auf der Brust ist schließlich ein Statement.

Aus reinem Interesse würde ich gern einmal an einer Style und Farbberatung teilnehmen um neue Ideen und Inspirationen zu bekommen, aber das heißt nicht, dass ich mich sklavisch an die Ergebnisse halten würde. Was mich tatsächlich sehr interessieren würde ist ein Make – Up Kurs.

Mode und Behinderung

Mode und Behinderung scheinen in der Gesellschaft bisweilen unvereinbar zu sein. Mode gilt als visuell – das Hervorheben von Schönheit und Kreativität mit Hilfe des menschlichen Körpers. Behinderung dagegen wird oft als Makel gesehen, den man am besten versteckt. Dabei haben die wenigsten Menschen, behindert oder nicht, Modelmaße. Und die muss auch niemand haben. Kleidung sollte den Menschen passen, nicht umgekehrt.

Ich stehe nie vor einer Kamera oder größerem Publikum, habe keinen begehbaren Kleiderschrank, war noch nie in einer Luxus-Boutique und verbringe lieber so wenig Zeit wie möglich in Geschäften. Trotzdem ist es mir wichtig, Klamotten anzuziehen, die mir gefallen und in denen ich mich wohlfühle. Wie bei anderen jungen Frauen auch, ändert sich mein Kleidungsstil von Zeit zu Zeit. Meine Sehbehinderung ist ein Teil meines Lebens, sie definiert aber nicht meine Persönlichkeit, die ich unter anderem über meine Kleidung ausdrücke.

Coole Links:

Anstatt euch peinliche Fotos zu zeigen, wie ich früher ausssah, hier lieber noch etwas nützliches.

In diesem englischen Video zeigt Christine Ha, eine blinde Fernsehköchin, wie sie sich jeden Tag blind schminkt.

Und auf der Webseite von Jennifer Sonntag gibt’s auch jede Menge über Mode und Make-Up.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Spieglein Spieglein an der Wand Hast Du ´nen Knick in der Optik oder was? – Sehbehinderung und Mode

  1. Sehr schön geschrieben!
    Ich hab auch nur noch einen kleinen Sehrest , trotzdem ist mir Kleidung und Styling nicht egal. Ich zieh mich auch gerne schonmal etwas auffällig an , das hab ich aber auch schon getan , bevor ich von meiner Sehbehinderung wusste! Liebe Grüsse Anja

    Gefällt mir

Kommentar hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s