Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen in der Öffentlichkeit


Muss ich immer das Aushängeschild Spielen um ein positives Bild von Menschen mit Behinderungen in der Öffentlichkeit zu vermitteln?

Dieser Post ist mein Beitrag zur Blogparade der Aktion Mensch zum Thema Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen. Bis jetzt wurden überwiegend positive Erfahrungen geschildert, was ich natürlich ermutigend finde, aber oft fallen solche Begegnungen auch negativ aus und einige dieser Beispiele möchte ich hier aufführen.

Flugbekanntschaft mit einem Mitarbeiter einer Blindenorganisation

Auf meinem letzten Flug von Dublin nach Köln wollte ich einfach ungestört vor mich hindösen und Musik hören. Ich bin kein großer Fan von Smalltalk mit Fremden und schon gar nicht wenn ich müde bin und eigentlich am liebsten wieder aussteigen und zurück nach Galway fahren würde. Dementsprechend antwortete ich kühl aber höflich „Danke, ich weiß.“, als mein Sitznachbar mich darauf aufmerksam machte, dass mein Rucksack offen war.

„Soll ich ihnen das Brötchen auspacken?“

Zehn Minuten später kam das Essen, dass es bei German Whings auf jedem Flug gibt. Entgegen der üblichen Vorurteile finde ich es gar nicht schlecht: Laugenbrötchen mit Wurst oder Käse, eine kleine Flasche Wasser und Gummibärchen. Als ich das Brötchen aus der Tüte nahm und auswickeln wollte, fragte mich mein Sitznachbar, ob er mir das Brötchen auspacken solle. Ich unterdrückte die zugegeben unhöfliche Gegenfrage: „Wollen sie es auch für mich vorkauen?“, aber zu etwas Netterem als: „Nein Danke, ich bin Blind, dass heißt nicht, dass ich keine Verpackungen öffnen kann.“, konnte ich mich nicht durchringen.

Zu meiner Bestürzung eröffnete mir mein Sitznachbar jetzt, dass er in einer Blindeneinrichtung arbeite. Ich habe nicht nachgefragt welche und ich will es auch lieber nicht wissen. Ich fragte ihn ungläubig, ob er den Blinden dort Verpackungen öffnete und er antwortete „ja, manchmal.“. Ich war bedient, setzte meine Kopfhörer auf, drehte die Musik lauter und verkniff mir weitere Kommentare für den Rest des Fluges. Diese Episode trug nicht gerade zur Steigerung meiner Laune bei. An dieser Stelle könnte ich mich über Spezialeinrichtungen auslassen, aber dazu schreibe ich bei Gelegenheit einen anderen Beitrag.

Es gibt keine Dummen Fragen – oder doch?

Die Begegnung lässt mich nicht los. Ich werde immer noch wütend und frustriert, wenn ich daran denke. Ich bin Fragen gewöhnt und je nach meiner Laune, der Art der Frage und der Sympathie die mein Gegenüber ausstrahlt, nehme ich mir die Zeit sie zu beantworten oder eben nicht. Richtig dumme Fragen wie: „Warum versuchst du nicht in die gleiche Richtung weiter zu laufen, wenn du an eine Wand stößt?“ ignoriere ich grundsätzlich.

Niemand muss sich anstarren oder verletzen lassen!

Als Teenager habe ich Leuten, die sich lautstark im Bus in der dritten Person über mich unterhielten, als sei ich taub oder überhaupt nicht da, den Finger gezeigt oder die Zunge raus gestreckt. Oft war ich so wütend und hätte ihnen am Liebsten vor die Füße gespuckt um ihnen meine grenzenlose Verachtung zu zeigen, aber dazu war meine Erziehung doch zu gut. Durch den Besuch eines „normalen“ Gymnasiums bekam ich irgendwann ein dickeres Fell.

Manchmal bin ich froh, dass ich nicht sehe, wie mich die Leute anstarren. Meine Mutter wird regelmäßig wütend und starrt demonstrativ zurück. Sie meint, als ich klein war hätten sie wildfremde Leute auf der Straße angesprochen und gesagt, sie solle mit mir zum Augenarzt gehen, weil ich schielen würde. Was bitte geht die das an? Wir raten ihnen doch auch nicht Diät zu machen oder sich das Rauchen abzugewöhnen.

Immer nur Hilflos oder Super-Blind

Bis vor Kurzem hatte ich eine Phase, in der ich der Welt unbedingt beweisen wollte, dass ich und viele andere Blinde selbstbestimmt leben, private und berufliche Ambitionen haben und nicht den ganzen Tag unglücklich sind, weil sie nichts Sehen können. Ich versuchte eine positives Bild von Blinden zu vermitteln und redete und redete, hatte aber oft das Gefühl gegen eine Wand zu argumentieren. Nach solchen Gesprächen fühlte ich mich leer und ausgelaugt, wie eine Pressesprecherin die nie Feierabend hat.

Wie Heiko Kunert in einem sehr gelungenen Artikel beschreibt, wollen die Medien meistens Geschichten über hilflose Blinde oder Super-Blinde mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und Talenten darstellen. Das die meisten von uns sich irgendwo dazwischen einordnen würden ist zu alltäglich für die Presse. Oft wird uns das Gefühl gegeben unsere Behinderung wäre eine Minderwertigkeit die wir irgendwie anders ausgleichen müssen.

Trotzdem und noch mal Trotzdem

Ich breitete meine komplette Lebensgeschichte vor völlig fremden Menschen aus, nur um am Ende doch wieder zu hören: „Ich finde das toll, wie sie trotzdem studieren, Sport machen, einkaufen…“ Trotzdem ist für mich das Unwort schlechthin. Manchmal möchte ich antworten: „Ich finde es toll, wie sie trotz ihrer Ignoranz immer wieder versuchen zu denken!“.

Heute versuche ich Gespräche wie: „Die Arme, so ein hübsches, junges Mädchen und dann blind.“, zu ignorieren. Diese Leute wollen mich gar nicht verstehen und ich würde nur meine Zeit verschwänden mich über sie aufzuregen oder zu versuchen, ihnen zu erklären, dass ich nicht hilflos bin. Sie haben ihr vorgefertigtes Weltbild und fertig. Merken diese Leute eigentlich nicht, wie verletzend und unhöflich ihr Verhalten ist? Ich kommentiere doch auch nicht öffentlich ihre Figur, ihre Stimme oder über was sie sich unterhalten.

Gegenfragen

Eine Freundin beschwerte sich letztens, dass Leute sie immer sofort und unverhohlen über ihre Blindheit ausfragen: „Haben sie das schon immer? Kann man da gar nichts machen? Sehen sie überhaupt nichts?“ Oft ärgert sie sich über sich selber, weil sie diese Fragen immer und immer wieder geduldig beantwortet. Über einem Bier hatten wir dann die Idee einfach mal zurück zu fragen: „Haben sie Diabetes? Kann man da gar nichts machen? So würde ich wirklich nicht leben wollen!“ oder: „Wie war ihr Stuhlgang heute morgen?“. Sicher das würde jedes Gegenüber schockieren aber dann würden einige Leute mal merken, was für private fragen sie da eigentlich stellen. Ausprobiert habe ich es leider noch nicht.

Die Ewige Pressesprecherin

Ich kenne Blinde, die sagen mit solchen Aktionen verschreckt man die Sehenden nur und vermittelt ihnen ein negatives Bild von Blinden. Schon möglich, aber ich sehe mich nicht als Sprecherin aller Blinden. Meine Sehbehinderung ist nur eines von vielen Merkmalen die mich als Individuum ausmachen, genau wie meine Haarfarbe, meine Stärken und Schwächen und viele andere Dinge.

Andere fürchten, wenn sie angebotene Hilfe nicht annehmen, wird ihnen vielleicht dann auch keine Hilfe mehr angeboten, wenn sie sie brauchen. Auch wenn es oft schwer fällt über den eigenen Schatten zu springen finde ich, dass wir nach Hilfe fragen müssen, wenn wir sie haben wollen. Wir können nicht einerseits fordern gleichberechtigt behandelt zu werden und andererseits erwarten, dass immer auf uns Rücksicht genommen wird. Letztendlich muss aber jede_r selber wissen wie er oder sie mit Mitmenschen und schwierigen Situationen umgeht.

Manchmal werde ich gefragt: „Wie orientieren sich Blinde in fremden Umgebungen?“, „Wie führen Blinde einen Haushalt?“ oder „Wie gestalten Blinde ihre Freizeit?“. Da diese Fragen oft höflich und aus ernst gemeintem Interesse gestellt werden, versuche ich sie so gut ich kann zu beantworten, weise aber darauf hin, dass ich lediglich sagen kann, wie ich persönlich oder andere Blinde die ich kenne bestimmte Dinge machen. Unsere Sehbehinderung macht uns nicht automatisch alle gleich.

Warum dann einen Blog?

Durch diesen Blog habe ich eine Kompromisslösung gefunden, mit der ich selbst glücklich bin. Ich kann mich über meine Behinderung äußern wenn wann und wie ich will, ohne über die Reaktionen eines Gegenübers nachdenken zu müssen. Das soll nicht heißen, dass ich mich nicht über Kommentare und Anfragen freue und sie nicht beantworte, aber das Internet ermöglicht mir eine gewisse Distanz und gibt mir Zeit meine Gedanken zu formulieren. Erfahrungsgemäß hinterlassen nur Leser_Innen Kommentare, die darüber nachdenken was ich schreibe und sich ehrlich dafür interessieren.

Ein Recht auf schlechte Laune und Privatsphäre!

Ich muss nicht immer und überall Rede und Antwortstehen. Ich bin auch nur ein Mensch mit Gefühlen und Launen, der das Recht hat kurz angebunden, müde, schlecht gelaunt, genervt oder sonst wie zu sein. Auch Menschen mit Behinderungen haben das Recht “Nein, darüber möchte ich nicht reden.“ Zu sagen. In einer idealen inklusiven Gesellschaft müsste ich nicht extra freundlich oder besonders geduldig sein, nur um als vollwertiges Mitglied akzeptiert zu werden. Nur wer mir mit einem Mindestmaß an Höflichkeit und Respekt begegnet, kann von mir eine entsprechende Antwort erwarten.

Inklusion basiert für mich auf gegenseitigem Respekt nicht auf Mitleid oder voyeurismuss!

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5 Gedanken zu “Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen in der Öffentlichkeit

  1. Hallo 🙂 ein sehr schöner beitrag… ich kenne solche begegnungen auch, und einige überspannen echt den respektsbogen. ich hatte das mal, da war ich mit meinem hund in unbekannter umgebung unterwegs. und eine dame griff ihm wiederholt ins geschirr. als sie das auch nach mehrmaligem bitten, das bitte sein zu lassen, immer noch machte, sagte ich ihr, dass sie bitte damit aufhören möge oder sie möge bitte weitergehen, weil das SO echt nicht geht. der hund wird verwirrt und abgelenkt. da meinte sie, sie wisse doch nicht, wie man das macht. ich meinte, dass ich ihr das ja gesagt hätte. als ich das ner sehenden freundin erzählte, meinte die, ich hätte ja voll über-reagiert, diese dame würde keinem blinden mehr helfen.. na, der blinde kann ja froh sein, wenn die ihm nicht hilft. klar machen menschen fehler, aber wenn ich dann höflich sage: „Bitte lassen sie das, sie verwirren meinen hund“ und der mensch das aber noch drei oder fünfmal macht.. dann braucht man die „Hilfe“ echt nicht.

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  2. Hallo! Hab gerade deinen Beitrag entdeckt. Kann mich dem nur anschließen! Schade, dass ich bei der Blogparade noch keinen Blog hatte 😉 hätte auch ein paar sehr verstörende Erlebnisse und Gespräche zu berichten gehabt… 🙂 vielleicht magst ja mal bei mir rein schauen? http://travel-sounds.com würde mich freuen! Alles gute!

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      1. Danke! Ja, ich freu mich auch sehr andere BloggerInnen und vor allem Menschen mit ähnlichen Themen kennen zu lernen! Es würde mich sehr freuen wenn wir mal wieder von einander lesen/hören 🙂 glg

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