Archiv der Kategorie: Reisen

Studentische Auslandsmobilität Erhöhen – Diskutiere mit

Der DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) organisiert im Rahmen seiner Kampagne „studieren weltweit – erlebe es!“ am 19. und 20. Juni in Essen eine Tagung mit vorangehender Online-Diskussion unter dem Titel „„Studentische Auslandsmobilität erhöhen! – Soziale Diversität und Lehramt als Herausforderung und Chance“, die vier Gruppen in den Fokus nehmen möchte:

All diese Gruppen sind – aus verschiedenen Gründen – statistisch bei Auslandsaufenthalten unterrepräsentiert. Im Rahmen des Austausches und der Diskussion geht es um die Identifikation von Hürden und mögliche Verbesserungspotentiale im Sinne der jeweiligen Zielgruppen.

Ich bin studentische Themenpatin für den Bereich Auslandsaufenthalt mit Beeinträchtigung oder chronischer Erkrankung und lade euch hiermit herzlich ein, euch noch bis zum 19. May an der Online Diskussion zu beteiligen. Hier ist mein Video in dem ich erzähle, warum sich für mich als Studentin mit Seheinschränkung Mein Auslandssstudium in Galway akademisch und persönlich gelohnt hat.

Diskutiere Mit!

Im Bereich Auslandsaufenthalt mit Beeinträchtigung oder chronischer Erkrankung findet ihr Thesen und Umfragen rund um die Themen Planung, Finanzierung und Durchführung von Auslandsstudien und Praktika, zu denen ihr kommentieren und abstimmen könnt. Die Ergebnisse werden in der Tagung im Juni ausgewertet und diskutiert.

Im Abschnitt Deine Geschichte könnt ihr von euren eigenen Auslandserfahrungen berichten und Tipps teilen, um andere Studierende zu ermutigen diese Chance zu nutzen.

Folgt Studieren Weltweit auch auf Facebook, Twitter und Instagram

 

Blogprojekt: Studieren Weltweit – Studium in Irland

 

Auch wenn es auf diesem Blog im Moment eher ruhig ist, schreibe ich auf Studieren Weltweit weiter fleißig über meine Zeit in Galway an der Irischen Westküste. Hier eine Übersicht einiger Artikel zu den Themen Planung und Finanzierung von ERASMUS-Jahr und Auslandsstudium sowie meinem Studienalltag mit Sehbehinderung. Für Fotos könnt ihr mir zusätzlich auf Instagram folgen.

Finanzierung eines Erasmus+ Studiums mit Behinderung

Im Post „Wohin als Studierende mit Behinderung?“ habe ich die wichtigsten Anlaufstellen für die Planung meines Erasmus+ Jahres an der National University of Ireland Galway genannt. Ich habe viel Verständnis und Hilfe von meinem Erasmus+ Koordinator, dem Akademischen Auslandsamt und dem International Office bekommen. Alle Mitarbeitenden haben mich in meiner Entscheidung ins Ausland zu gehen bestärkt.

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Ein Königreich für ein Bett – Wohnen in Galway

Nachdem Finanzierung und Kursauswahl für den ERASMUS+– Aufenthalt in Irland geregelt waren, galt es ein Zimmer in Galway zu finden. Ich bin kein Fan von WGs, aber nachdem ich mir einige irische Webseiten zur Wohnungssuche  angesehen hatte, wurde mir klar, dass eine eigene Einraumwohnung ein Wunschtraum bleiben würde.

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Ich packe meinen Koffer: Irland Essentials

Mir wurde erst richtig bewusst, dass mein ERASMUS+-Jahr jetzt startet, als ich wenige Tage vor Abflug nach Galway anfing meinen Koffer zu packen. Hier ein paar nützliche Hinweise fürs Kofferpacken im Allgemeinen und ein paar Dinge die auf einer Irlandreise nicht fehlen dürfen.

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Studentenjobs im Ausland – Telefonauskunft

Viele Studierende arbeiten irgendwann im Laufe ihres Studiums im Kundensupport am Telefon. Im Ausland auf Englisch mit wildfremden Menschen zu telefonieren, von denen einige einen starken irischen Akzent haben oder selbst Ausländer sind, ist allerdings noch eine Stufe anspruchsvoller.

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Studieren mit Sehbehinderung

In diesem Post möchte ich kurz erklären, wie blinde und sehbehinderte Studierende arbeiten. In den letzten Jahren hat sich die Technik auf diesem Gebiet stark weiterentwickelt und das Internet erleichtert uns vieles. Trotzdem ist es immer noch schwierig an barrierefreie Fachliteratur zu kommen.

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Blogprojekt: Studieren Weltweit

Ab sofort schreibe ich für den Blog Studieren Weltweit über mein ERASMUS-Jahr und mein Auslandsstudium in Galway. Meinen ersten Blogbeitrag „Blind im Ausland Studieren – Geht das?“ findet ihr hier. Unter dem Hashtag #ErlebeEs könnt ihr mir und den anderen Korrespondenten außerdem auf Facebook, Twitter und Instagram folgen.

 

Tina über unser Fotoseminar am 9. Mai 2015

Bilder für die Blinden

Ich arbeite jetzt seit etwas mehr als einem Monat für „Bilder für die Blinden“ und habe um mich mit dem Projekt vertraut zu machen einige Bildbeschreibungen und Erfahrungsberichte zu vergangenen Workshops und Veranstaltungen gelesen. Vor ein paar Tagen habe ich unsere Vorschläge wie man Bilder für blinde Menschen beschreiben kann für unseren englischen Blog „Photo Narrations for the blind and sighted“ übersetzt und durch die intensive Beschäftigung mit dem Text kann ich ihn inzwischen fast auswendig. Aber das ist natürlich nicht mit der Teilnahme an einem Fotoseminar zu vergleichen und daher freute ich mich, vergangenen Samstag endlich selbst dabei sein zu können.

Trotz Bahnstreik schafften wir es rechtzeitig in der Alice Salomon Hochschule in Berlin zu sein. Auf dem Korridor hingen die Bilder aus dem Seminar im letzten Jahr. Im Großformat eingerahmt hinter Glas erweckten sie Ehrfurcht in mir und ich hoffte, dass in diesem Jahr ähnlich qualitative Bilder entstünden.

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Mein Segeltrip im Spanischen Mittelmeer vom 11. – 18. Oktober 2014 mit Imago Maris

Vorbemerkung: Die hohe Kunst der Kritik

Obwohl es schon fast ein halbes Jahr her ist, habe ich mich letztendlich doch dazu entschlossen einen Bericht über meine Segelreise mit Imago Maris auf dem Mittelmeer vom 11. bis zum 18. Oktober 2014 zu verfassen. Ich lasse Erlebnisse gerne erst einmal sacken oder bin einfach zu faul zum Schreiben, deshalb sind meine Blogposts ziemlich unchronologisch.

Durch meine kurze aber intensive Arbeit als Kritikerin von Musik und Lesungen weiß ich, wie schwer es ist, über etwas zu schreiben, was mir überhaupt nicht oder nicht in allen Aspekten super toll gefallen hat. Es ist wahnsinnig schwer, etwas oder jemanden zu kritisieren ohne dabei verletzend zu werden und jedes Detail schlecht zu reden. Besonders wenn es sich um eine einwöchige Erfahrung und nicht um eine einstündige Vorführung handelt, nach der ich einfach erleichtert aufstehe und gehe. Auf der anderen Seite bin ich keine Werbetexterin und sachliche Kritik kann – richtig eingebracht – auch konstruktiv sein.

Segeln für Blinde?

Ja, so etwas gibt es! Genau wie Blinde schießen und Fotografieren können, wenn sie das wollen und warum eigentlich nicht? Ich frage doch auch nicht: Hörbücher für Sehende – wozu? Die können doch gedruckte Bücher lesen. Außerdem kann man das Meer nicht nur sehen, sondern auch hören, riechen, fühlen und schmecken. In den letzten Jahren sind einige großartige Segelmöglichkeiten für Blinde und Sehbehinderte entstanden. Zum Beispiel das Projekt Reisen ohne Grenzen, oder Jubilee Sailing Trust, eine Britische Organisation, die große, internationale Reisen veranstaltet und bestimmt noch einige mehr.

Der Veranstalter – Imago Maris

Da ich an einem internationalen Turn teilnehmen wollte, Jubilee Sailing Trust gerade aber nur exotischere und daher teurere Reisen anbot, wagte ich den Sprung ins kalte Wasser und entschied mich für Imago Maris, eine polnische Stiftung, von der ich vorher noch nie gehört hatte. Die Ausschreibung bekam ich wie so vieles über irgendeine Mailingliste – altmodisch aber nützlich. Die Webseite ist barrierefrei und macht einen internationalen Eindruck. Sie ist außer Polnisch auf Deutsch, Englisch und Französisch verfügbar. 2014 wurden die ersten beiden größeren Reisen veranstaltet. Ich war so zu sagen eines der Versuchsmeerschweinchen, oder vielleicht passt Ratten besser… Auf dem Schiff gab es glücklicherweise keines von beiden. Die Reisebeschreibung war detailliert, die Kommunikation und Anreiseplanung per E-Mail funktionierte sehr gut und das Preis-Leistungsverhältnis stimmte.

Das Schiff

Vor dieser Reise bin ich bereits mit einem kleineren Segelschiff auf der Ostsee gefahren, hatte also eine ungefähre Idee vom Alltag auf einem Schiff, aber keine Erfahrungen im Steuern und Navigieren. Das 3-mastige Schulsegelschiff „Kapitän Borchardt“ wurde im Oktober 2011 getauft und segelt unter Polnischer Flagge. Die in der Reisebeschreibung angegebenen Maße klingen irgendwie gewaltiger, als ich das Schiff in Erinnerung habe, aber ohne Menschen hätte es wohl größer gewirkt: Rumpflänge 33,91 Meter, Decklänge 29,95 Meter und Breite 7,02 Meter. Faszinierend finde ich, dass alle 10 Segel gleichzeitig ausgebreitet eine Gesamtfläche von 600 Quadratmetern haben. Wobei ich bezweifle, dass das häufig vorkommt.

Es gab eine Steuerkabine, eine Speise –und Gemeinschaftsraumkabine und verschiedene Schlafquartiere. Die Grundbesatzung bestand neben dem Kapitän aus Bootsmann, Mechaniker und Koch sowie der 32-Man starken Crew, von der die Hälfte Sehbehindert war. Wir schliefen in Kajüten ausgelegt für drei bis vier Leute. Es war zwar wie zu erwarten eng, aber jede Kabine hatte ein winziges, eigenes Bad mit Dusche und Toilette, wobei ich die Dusche zu vermeiden versuchte, da sie die halbe Kajüte flutete. Luxusansprüche sollte man also nicht haben, aber man gewöhnt sich recht schnell an die Umstände und wir konnten in den Häfen duschen. Ich dachte mein Koffer wäre relativ klein, aber am Ende nahm er doch ganz schön viel Platz weg. Im Endeffekt ist segeln ein bisschen wie campen mit dem Unterschied, dass man sich nebenbei auf dem Wasser fortbewegt.

Tolle Aussicht auf einem Balken sitzend.
Tolle Aussicht auf einem Balken sitzend.

Fische füttern

Obwohl ich das Meer liebe und nicht besonders empfindlich bin, wurde ich seekrank. Es gab zwar Leute, die schlimmer dran waren und die Wellen waren selten besonders hoch, aber es dauerte eine Weile, bis ich mein Gleichgewicht fand und mich sicher bewegen konnte. An Deck wo ich den Horizont sehen konnte, war es nicht so schlimm, aber unter Deck in meiner Kajüte hielt ich es nicht lange aus. Also verbrachte ich anfangs die meiste Zeit draußen und wusste oft nicht so richtig wohin mit mir. Tabletten gegen Seekrankheit sollte man auf Dauer vermeiden, da man sich sonst nie an den Seegang gewöhnt. Da hilft nur trocken Brot essen und abwarten.

Das Leben auf dem Schiff

Bei so vielen Leuten auf engem Raum muss es einen strikten Tagesplan geben. Wir wurden in vier verschiedene Wachen eingeteilt, wovon jede von mindestens einem erfahrenen Wachleiter geführt wurde. Auch hier war das Verhältnis sehend Sehbehindert eins zu eins. Die Wachen wechselten im vier Stunden Takt rund um die Uhr zwischen Navigations –Bootsmanns – und Kombüsenwache. Wenn es im Hafen keinen Wachdienst oder abschließbare Stege gab, musste auch an Land Wache gehalten werden. Dementsprechend mussten alle mindestens einmal um vier Uhr morgens aufstehen.

Wir klettern in den Seilen
Wir klettern in den Seilen

Die Kombüsenwache half dem Koch beim Zubereiten des Essens, Tisch decken, abwaschen und aufräumen. Gegessen wurde dreimal täglich in zwei Schichten. In Anbetracht der kleinen Küche und den fast vierzig Leuten, die zu sättigen waren, war das Essen überraschend gut. Ich bekam sogar vegetarisch und konnte meinen Notvorrat an trockenen Keksen wieder mit nach Hause nehmen.

Stille und Dunkelheit

Mir persönlich gefiel die Navigationswache am Besten. Das Schiff verfügt über ein sprechendes GPS System sowie eine Reliefkarte mit Blindenschrift auf der wir unsere Route markierten. Das Steuerrad zu drehen und ein ganzes Schiff allein zu steuern ist ein unglaubliches Gefühl. Während der Nachtwache beobachtete ich den Mond und Sternbilder, deren Namen ich mir nie merken werde. Irgendwie erkenne ich zwar einzelne Sterne, finde aber nie eine Figur in ihnen. Malen nach Zahlen konnte ich auch schon als Kind nicht. Abgesehen von den seltenen bunten Lichtern anderer Schiffe war es manchmal nahezu komplett dunkel am Horizont – ein faszinierender Kontrast zu immer beleuchteten Städten, die ich gewöhnt bin.

Oft hatte ich nicht viel zu tun und stand stundenlang and der Reling, schaute und hörte den Wellen zu und dachte nach oder einfach an gar nichts, etwas was ich sonst selten tue. Ich weiß, das klingt ziemlich klischeehaft, war aber wirklich so.

Das Meer und Berge
Das Meer und Berge

An Land

Innerhalb einer Woche segelten wir von Alicante über Mallorca nach Barcelona. Außer den Häfen sahen wir von den Städten leider nicht viel. In Alicante verbrachten wir einen entspannten Nachmittag am Strand. Auf Mallorca fuhren wir mit einer kleinen Eisenbahn in die Innenstadt und schlenderten in kleinen Gässchen zwischen Cafés, Kirchen und Andenkenlädchen umher. Abends ging unsere Wache zum Meeresfrüchteessen und Sangria trinken in eine Bar. Die Touristensaison war vorbei und die Stadt wirkte wie ausgestorben – sehr untypisch für Mallorca. Gelegentlich grillten wir auch auf dem Schiff.

Karte der Route
Karte der Route

Die bekannteste Sehenswürdigkeit in Barcelona ist die Basilika Sagra da Família. Ich bin nicht religiös, schaue mir aber trotzdem gerne Kirchen an und diese ist mit ihren unzähligen Türmen, Türmchen, Säulen, Gängen und Ornamenten die größte, die ich bis jetzt gesehen habe. Sie wird schon seit den 1880ern gebaut und ist immer noch nicht vollständig fertig, obwohl sie natürlich genutzt wird und sogar zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Die vorrausichtliche Fertigstellung soll 2026 sein. Glücklicherweise konnten wir als eine Gruppe mit Behinderten die gigantischen Warteschlangen umgehen. Einige Gestaltungselemente gefielen mir sehr gut. Die dicken, kühlen Marmorsäulen sind mit kunstvollen Reliefs versehen und enden oben in Ästen und Zweigen, die eine steinerne Baumkrone hoch im Gewölbe bilden. Die Buntglasfenster in allen Farben werfen schönes Licht ins Innere. Leider ist die Kirche wie so vieles von Touristen überflutet, von denen einige trotz verbot mit Blitz fotografieren und so die Atmosphäre stören. In einem Nebengebäude befindet sich eine Ausstellung über den Bau mit verschiedenen Modellen des Gebäudes, die ich vorsichtig anfasste, wenn niemand hinguckte.

Zufällig gab es in Barcelona gerade einen hübschen Weinmarkt, auf dem viele Stände mit südländischem Essen zum Probieren und Kaufen einluden. An diesem letzten Abend waren wir eine ziemlich große Gruppe wodurch wir gefühlt stundenlang umherirrten um ein Restaurant zu finden, dass unseren Preisvorstellungen entsprach und Platz für alle hatte. Am Ende löste sich die Hauptgruppe auf und unsere Wache fand ein nettes Tapas Lokal, in dem wir zuschauen konnten, wie der Sangria gemischt wurde. Seltsamerweise waren die Toilettenbildchen Skelette – eines mit einer Handtasche und eines mit Penis. Peinlicherweise ging gerade die Tür der Herrentoilette auf, als ich ein Foto davon machen wollte.

Dadurch dass wir bei den Ausflügen kleinere Gruppen waren, war die sprachliche Kommunikation einfacher und alle gaben sich Mühe Englisch zu reden. Trotzdem ist man als Blinde_r oder Sehbehinderte_r Teilnehmender von den Sehenden abhängig. Was man macht hängt dann davon ab, welcher Gruppe man sich anschließt. Ich hielt mich an unseren Wachführer, der wirklich sehr nett war und Geschichten aus seinem Seemannsleben erzählte.

Kommunikationsprobleme

Trotz einiger schöner Momente blicke ich mit gemischten Gefühlen auf die Reise zurück. Zum Einen kam ich erst vor wenigen Wochen aus Irland und fühlte mich überall fremd und rastlos. Wahrscheinlich kein guter Zeitpunkt für eine Schiffsreise. Zum anderen bestand ein erhebliches Sprachproblem, dass Irritationen und Missverständnisse mit sich brachte. Anhand der Ausschreibung ging ich davon aus, dass es sich um eine internationale Veranstaltung handelte, als Kommunikationssprache war Englisch angegeben. Das schreckte bestimmt viele potentielle Teilnehmer schon im Voraus ab, die unsicher waren, ob ihr Englisch ausreiche – eine sinnvolle Überlegung, wie ich finde. Wahrscheinlich waren meine Erwartungen an die Englischkenntnisse der anderen aber auch zu hoch und ich begriff erst im Nachhinein, dass vielen Menschen die Kommunikation in einer anderen Sprache schwer fällt oder sie sich nicht trauen. Ich quatschte mit meinem neuen Deutsch-Irischen Akzent drauf los und reagierte enttäuscht und frustriert, wenn kein großartiges Gespräch zu Stande kam.

Ein weiteres Problem war, dass ungefähr dreiviertel der Teilnehmer inklusive der Stammcrew Polisch waren und sich teilweise schon vorher kannten. Ansonsten waren da ein Italiener, ein Weißrusse, eine kleine Gruppe aus Litauen (oder Lettland, ich verwechsle die beiden Länder immer) und wir drei Deutschen. Nach mehrmaligen Auforderungen wurden wichtige Ansagen und Anweisungen durchgehend in Englisch gemacht. Aber auch in Polnisch, da einige wiederum kein Englisch konnten. Wir Deutschen wussten irgendwie nicht viel miteinander anzufangen. Die gleiche Nationalität macht Menschen noch lange nicht zu Freunden. Wenn es darauf ankam und in Einzelunterhaltungen konnten die meisten Teilnehmenden ausreichend Englisch und ich führte einige wenige sehr nette Unterhaltungen. Sobald aber noch jemand dazu kam wurde meistens zu Polnisch gewechselt und ich fühlte mich ausgeschlossen und schaltete automatisch ab. Gelegentlich wurde die Konversation dann in ein zwei Sätzen für mich zusammen gefasst und ich fühlte mich unter Druck diese nett gemeinte Geste mit einem Gesprächsbeitrag zu würdigen. Diese unbeabsichtigte Isolation tat weh und ich resignierte relativ schnell, fand mich damit ab und legte mir einen Schutzwall aus Gleichgültigkeit zu.

Einige Leute versuchten immer wieder mich in Gesprächsrunden zu integrieren. Dann gaben sich alle für ein paar Minuten Mühe und die Stimmung war angespannt, bis das natürliche Bedürfnis etwas schnellstmöglich in der eigenen Muttersprache zu sagen zu stark wurde. Ich wollte mit meiner schlechten Laune keine noch größere Spielverderberin sein und verschwand schnellstmöglich wieder. An einigen Abenden machte Sangria uns alle gesprächiger und kompromissbereiter aber das ist keine sinnvolle Lösung des Problems. Die anderen Nicht-Polen schienen mit dieser Situation besser umgehen zu können als ich.

Fazit: Helft das Projekt Internationaler zu Gestalten

In der Projektbeschreibung werden Inklusivität, Teamarbeit und der Europäische Austausch von blinden Segelfans besonders hervorgehoben. Die Idee finde ich nach wie vor großartig und unterstützenswert. Für den ersten Versuch war die Reise ein Erfolg. Entgegen der Ausschreibung die die Reise für nahezu Jede_n empfiehlt, sollten Teilnehmende meiner Meinung nach ein gewisses Maß an Mobilität, sozialer Kompetenz und hauswirtschaftlichen Kenntnissen mitbringen. Der Organisation ist bewusst, dass das Nationalitäten – und Sprachenverhältnis ausgewogener werden muss, aber es fanden sich nicht genug Teilnehmer aus anderen Ländern, um das Schiff zu füllen. Verständlich, da Werbung immer am Besten im eigenen Land funktioniert. Um das zu ändern habe ich mich für diesen Beitrag entschieden.

Unterstützt dieses großartige Projekt von Imago Maris, indem ihr es selbst ausprobiert! Um Situationen wie meine zu vermeiden am Besten in einer kleinen Gruppe aus Freunden, eventuell ist sogar Platz für sehende Freunde. Die Route, das Schiff und natürlich die Segelerfahrungen sind empfehlenswert. Also Leinen los und Segel setzen!

Ahoi und bis bald!

Imago Maris Webseite

und auf Facebook und Twitter

Bilder veröffentlicht mit Erlaubnis von Imago Maris, Landkarte von  Esri Poland

Montag 22. September 2014: Ab auf die Insel

Titelbild: Oma und ich in einem Strandkorb

Für Montag war ein Besuch auf der Insel Langeoog geplant. Allerdings hatte es die ganze Nacht hindurch in Strömen geregnet und am Morgen peitschte der Wind immer noch ungemütlich und kalt gegen die Fenster, sodass wir uns auf einen verregneten Ausflug vorbereiteten, falls die Fähre überhaupt fahren würde..

Das Schiff verließ den Bensersieler Hafen jedoch planmäßig und sobald wir das Festland hinter uns gelassen hatten verschwanden die Wolken und es wurde ein trockener, wenn auch kalter Tag. Leider wurde die Vogelführung, die auch für Blinde und Sehbehinderte geeignet sein soll, wegen der hohen Regenwahrscheinlichkeit abgesagt. Vom Inselhafen fuhren wir mit der Inselbahn ins ungefähr 3km entfernte Zentrum. Pferdekutschen stehen auch bereit. Bei einem Fahrradverleih entdeckte ich neben einem Rad für Rollifahrer auch ein Tandem, definitiv ein Grund bald wieder zu kommen.

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Bild: Oma und ich vor einem pinken Wagen der Inselbahn.

Langeoog hat 2.150 Einwohner, ist circa 20km^2 groß und es gibt einen 14km langen, von Dünen gesäumten Sandstrand. Die durch die Abwesenheit von Privatautos entstandene Ruhe ist ungemein entspannend. Man hört Wellen, den Wind, Vogelgezwitscher und Menschen, die ihren Beschäftigungen nachgehen, aber nahezu keine Motoren. Es gibt eine sehr informative Broschüre über alle barrierefreien Angebote auf der Insel. Die meisten davon richten sich an Rollifahrer (eine Auflistung rollstuhlgerechter Freizeitangebote und Einrichtungen sowie Infos über die Ausleihe von Strandmobilen), aber es gibt auch Hinweise zu Speisekarten in Blindenschrift und Restaurants, die Speisen für Diabetiker anbieten.

Wir liefen am Strand entlang und bewunderten die unendliche Weite der Nordsee. Leider hatte ich immer noch Badeverbot wegen der Rettungsaktion in Wilhelmshaven. Dafür sammelte ich etwas Sand für unsere Sandsammlung: Meine Mutter und ich füllen Sand von verschiedenen Stränden in kleine Glasfläschchen, beschriften sie mit Ort und Datum, und stellen sie in ein Regal. Wir haben schon eine beachtliche Sammlung, nicht zuletzt weil uns Freunde Sand aus dem Urlaub mitbringen. Das nenne ich ein preiswertes Mitbringsel.

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Bild: Ich sammle Sand in einer Plastiktüte.

Nach einem Besuch des Wasserturms, der die Trinkwasserausstellung beherbergt schlenderten wir durch das Inselzentrum mit seinen bunten Geschäften, Cafés und Strandkörben, die zum Verweilen einladen.

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Bild: Ich und die Figur eines Seemanns.

Bevor wir mit der letzten Fähre zum Festland zurück kehrten, besuchten Oma und ich die Ostfriesische Teestube in einem Schilf gedeckten Haus am Hafen, wo wir Schwarztee nach ostfriesischem Brauch tranken. Wir bekamen eine hübsche Porzellankanne mit Stövchen, in der der kräftige Schwarzee aus losen Blättern gebrüht wurde und niedliche Tässchen. Zuerst legt man einen Kandiszuckerklumpen (Kluntje) mit der Zuckerzange in die Tasse und gießt dann den Tee darauf, wodurch der schmelzende Zucker knistert. Zum Schluss wird vorsichtig ein Löffel Sahne vom Tassenrand aus hinzugegeben. Idealerweise entsteht dabei ein Sahnewölkchen. Traditionell wird der Tee nicht umgerührt, damit man die verschiedenen Schichten genießen kann. Drei Tassen sind Friesenrecht und wer keinen Nachschlag möchte, signalisiert dass, indem er / sie den Löffel in die Tasse stellt. Ostfriesland ist die einzige Teetrinkerregion Deutschlands.

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Bild 1: Ich mit einem Kluntje in der Zuckerzange. Bild 2: Die schilfgedeckte Teestube.

Wir verbrachten eine zweite Nacht in der gemütlichen Pension Friesenruh, bevor uns der Besitzer Herr Schäfer freundlicherweise Dienstagmorgen zur Bushaltestelle fuhr, von wo aus wir erst nach Norden und dann mit dem Zug nach Hause fuhren.

 An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bei den Veranstalterinnen von Ostfriesland.de und den anderen Mitreisenden bedanken. Danke für ein unvergessliches Wochenende, wir kommen bestimmt bald wieder!

Sonntag 21. September 2014: Der Park der Gärten und die Qual der Aale

Titelbild: Ich neben einem Heckensessel mit rosa Kissen.

Nach dem Frühstück packten wir unsere Sachen und nahmen Abschied von der Jugendherberge. Heute standen ein Besuch im Park der Gärten und ein kleiner Stadtrundgang durch Bad Zwischenahn auf dem Programm.

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Bild: Sträucher im Park

Der Park ist durch seinen systematischen Aufbau für Blinde allein begehbar. Es gibt einen Hauptweg von dem Abzweigungen zu den verschiedenen Themengärten führen und die Wege sind breit und eben. Nach einer Weile zerstreute sich unsere Gruppe und wir schlenderten entspannt durch die Gärten. Ich fand eine von kunstvoll verschnittenen Hecken umgebene Sitzecke mit einer bequemen Holzbank und blieb dort eine Weile sitzen um dem Plätschern eines Springbrunnens, Vogelgezwitscher und dem Rauschen des Windes in den Blättern zu lauschen.

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Bild: Ich neben der Figur einer Schwimmerin, die mich schmerzhaft an mein Badeverbot erinnerte (siehe letzter Beitrag).

Obwohl der Sommer fast schon vorbei war, leuchteten viele Blumen und bunte Sträucher zwishen dem Grün hervor. Neben heimischen Bäumen und Kräutern gab es auch exotischere Pflanzen wie einen stattlichen Esskastanienbaum und palmenartige Gewächse. Im Vorbeigehen roch ich an Blüten und befühlte unterschiedliche Blatt – und Blütenformen. Auf einer Lichtung standen Kisten mit verschiedenen Kürbissen und an kleinen Ständen wurden Naturprodukte aus dem Garten angeboten. Gelegentlich begegneten wir Skulpturen und lustigen Figuren. Besonders gut gefiel mir eine komplette Sitzgarnitur, die jemand aus einer Hecke herausgeschnitten hatte. Leider durfte man sich nicht darauf setzen, aber die Idee ist toll.

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Bild 1: Ein Lika Schwein und ich. Bild 2: Kisten mit unterschiedlich geformten Kürbissen.

Im Garten der Sinne gab es besonders viel zu hören und zu fühlen. Wir hatten viel Spaß mit einem begehbaren Glockenspiel. Es bestand aus mehreren quadratischen Fließen, die unterschiedliche Töne erzeugten, wenn man auf ihnen herumhüpfte. Es entstanden sogar einige harmonische Melodien. Daneben befanden sich Duftmühlen. Außer Gewürznelken und geräuchertem Aal erriet ich so gut wie gar keinen Duft. Ich bin wohl der Beweis dafür, dass Blinde und Sehbehinderte Menschen nicht unbedingt besser riechen können. Auch bei dem Versuch Baumarten anhand ihrer Rindenbeschaffenheit zu erraten shnitt ich nicht viel besser ab.

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Bild: Die Duftmühlen

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Bild: Ich versuche Baumarten anhand ihrer Rinde zu erraten.

Die Pflanzen im Kräutergarten waren sowohl mit Brailleschrift als auch mit Reliefschrift versehen. Oft wird gesagt, dass eins von beidem ausreichen würde, aber tatsächlich können besonders spät erblindete Menschen keine Brailleshrift und umgekehrt lernen Geburtsblinde oftmals nicht die „normalen“ Buchstaben, wodurch sie mit Reliefschrift nichts anfangen können.

Besonders beeindruckt waren wir von einem Springbrunnen der von Blinden entworfen wurde und dessen genaue Funktionsweise auch nur Blindenschriftleser entschlüsseln konnten, da es keine Bedienungsanleitung in Schwarzschrift gab. An jeder Ecke des viereckigen Beckens gab es eine Metalskulptur mit Kerben und abstrakten Verziehrungen. Nachdem wir eine Weile gewartet hatten und immer noch kein Wasser zu sehen war, fingen wir an mit den Fingern gegen die Skulpturen zu drücken, wobei wir zufällig Sensoren auslösten, die eine der Fontänen zum Sprudeln brachten. Besonders gemein war eine Fontäne, die nicht in das Becken spritzte, sondern sich direkt über die Person ergoss, die den zugehörigen Sensor aktiviert hatte. Ausreichend nass und gut gelaunt verließen wir den Park wieder.

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Bild: Hans und Ich werden von der fiesen Fontäne getroffen.

Bei einem kurzen Rundgang durch den Bad Zwischenahner Kurpark erfuhren wir so allerlei Wissenswertes über Bad Zwischenahn und die Region. Zum Beispiel wie der beliebte Räucheraal entstand: Der Legende nach hängten sich einst zwei Aale an die Dachbalken einer Schilf gedeckten Scheune, wo sie die halbe Nacht sangen und Geschichten erzählten. Nachdem beide eingeschlafen waren schlug ein Blitz in die Scheune ein und sie brannte bis auf die Grundmauern ab. Am nächsten Morgen kam der Bauer und betrauerte seine Scheune. Als er so niedergeschlagen durch die Trümmer lief, fand er die beiden Aale, die durch den Brand geräuchert waren und probierte ein Stück. Der Räucheraal schmeckte dem Bauern so gut, dass er ihn selbst zubereitete und auf dem Wochenmarkt verkaufte. So entstand das Leibgericht der Bad Zwischenahner. Eine wirklich schöne Geschichte, solange man sich nicht fragt, seit wann sich Aale wie Fledermäuse verhalten und wie es möglich ist, dass das ganze Haus abbrennt, der Fisch aber nur geräuchert wird. Zum Abschluss des Rundgangs probierten wir Löffelschnaps: Wie der Name schon sagt ein Schnaps der in einem Löffel serviert wird. Dazu gibt es natürlich passende Trinksprüche auf Plattdeutsch.

Mittag aßen wir in der Wandelhalle, in der sich auch die Touristikinformation befindet. Ich bestellte den viel erwähnten Räucheraal (zum Glück ohne hochgradige Verbrennungen) und Bratkartoffeln für den kleinen Hunger. Die Portion für den kleinen Hunger entpuppte sich aber meiner Meinung nach als eine ziemlich große Portion. Mich hätte interessiert wie das ganze für den großen Hunger ausgesehen hätte.

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Bild: MS Bad Zwischenahn.

Zum offiziellen Abschluss des Wochenendes schipperten wir auf der MS Bad Zwischenahn übers Zwischenahner Meer. Ein sympathischer Sprecher erzählte uns von den Sehenswürdigkeiten, die rechts und links am Ufer zu sehen waren und ich verlor den Kampf gegen ein sehr leckeres aber viel zu mächtiges Stück Rababerkuchen.

Ich hätte mir gerne ein Moorbad gegönnt, mich im Maislabyrinth verlaufen, oder eine der Mühlen besucht, aber leider war dafür nicht mehr genug Zeit. Übrigens steht auch die Rügenwalder Mühle, das Wahrzeichen des Wurstherstellers in Bad Zwischenahn. Sie wurde übrigens erst nachträglich gebaut, weil viele Leute wissen wollten, wo denn diese berühmte Mühle tatsächlich steht und dann enttäuscht waren, dass es sie gar nicht gibt. Jetzt sieht man dort Familien, die genüsslich Teewurstbrote mampfen. Für mich als Vegetarier definitiv eins meiner nächsten Reiseziele.. Es lohnt sich auf jeden Fall wieder nach Bad Zwischenahn zu kommen, das nächste Mal mit dem Tandem, da die Region sehr flach ist und ein gutes ausgebautes Netz von Rad –und Wanderwegen vorhanden ist.

Am späten Nachmittag setzte uns Isabel in Bensersiel ab, von wo aus ein Großteil der Reisegruppe am nächsten Tag die Fähre nach Langeoog nehmen wollte. Da es draußen nasskalt und stürmisch war und es in Bensersiel nicht allzu viel anzuschauen gibt, verschwanden wir zeitig in unseren Betten in der beschaulichen Pension Friesenruh.

Samstag 20. 09. 2014: Auf Tuchfühlung mit Antiken Truhen und einem Wal + Die Rettungsaktion

Am Samstag teilten wir uns in zwei kleine Gruppen mit unterschiedlichen Tagesprogrammen auf. Backi, Isabel, die ihre Bachelor-Arbeit über barrierefreien Tourismus schreibt, Caro, Oma und ich fuhren nach Jever und Wilhelmshaven, während die anderen sich unter anderem eine Sehhundstation anschauten.

Als wir vor dem Schlossmuseum Jever aus unserem Kleinbus ausstiegen, begrüßte uns ein melodiöses Glockenspiel, dessen gläserne Töne vom Schlossturm zu uns herunter wehten. Das Hauptgebäude ist in einem zarten Rosa-Ton gestrichen und der weiße Turm steckt momentan in einem Baugerüst. Später erfuhren wir, dass der Turm vor einiger Zeit verputzt und gestrichen wurde, was jedoch die alten Steine am Atmen hindert. Dem entsprechend muss die Fassade jetzt wieder abgekratzt werden, um die alte Bausubstanz nicht weiter zu beschädigen.

schloss Jever

Bild: Schloss Jever

Im Foyer wurden wir von Karin Steiner, einer Museumsmitarbeiterin begrüßt. Das Schlossmuseum bietet Führungen für Senioren, Rollstuhlfahrer, Blinde und Kinder an und ein Fahrstuhl ist vorhanden. Frau Steiner begleitet diese Führungen schon seit achtzehn Jahren und ist immer noch mit voller Begeisterung dabei. Leider sieht es momentan nicht danach aus, als würde sie irgendwann einmal eine_n Nachfolger_In finden. Ich habe selten an so einer individuell vorbereiteten und anschaulich gestalteten Museumsführung Teilgenommen.

Da die ausgestellten Objekte in Museen verständlicherweise selten berührt werden dürfen, sind Blinde und Sehbehinderte zumeist von den subjektiven Beschreibungen einer Begleitung abhängig und logischerweise haben die meisten Sehenden wenig Lust jede einzelne Hinweistafel vorzulesen, die sie selbst nur überfliegen. In letzter Zeit bieten Museen jedoch verstärkt Tastführungen an. Im Schlossmuseum Jever wurden die normalerweise verschlossenen Räume im Untergeschoss extra für uns geöffnet. Wir durften sogar alte Gemälde von Landschaften, Adligen und Künstlern anfassen, um die verschiedenen Strukturen der Leinwand und der Farbschichten zu fühlen. Es gab wunderschöne verschnörkelte Holztruhen und Kamine, Skulpturen von Steinlöwen, Ledertapeten, Spinnräder, Möbel und Geschirr aus der Vergangenheit zu betasten. Frau Steiner erklärte uns sogar, wie ein leuchtendbunter Schrank nur mit Naturfarben angestrichen wurde. Nach mehr als einer Stunde zierten unsere Fußabdrücke das kunstvolle Muster in der guten Stube und unsere Finger waren voller Staub der letzten Jahrzehnte – vielleicht sogar Jahrhunderte.

Der Rundgang durch ihren Alltag brachte uns den ehemaligen Schlossbewohnern viel näher als eine endlose Abfolge von Daten und Fakten. Zum Abschluss stiegen Isabel und ich noch auf den Schlossturm, bevor wir alle bei schönstem Sonnenschein durch den angrenzenden Park schlenderten.

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Bild: Ein Himmelbett aus der Ausstellung.

Zum Mittagessen fuhren wir in das kürzlich eröffnete Restaurant Laarni in Wilhelmshaven. Die Einrichtung sieht aus, als wäre sie einem super stylischen Magazin für Innenarchitektur entnommen – Jede Ecke, selbst der Toilettenvorraum ein echter Hingucker. Wir saßen auf der Terrasse auf der es auch einen kleinen künstlichen Teich und bequeme Liegestühle gab. Ich aß Seelachs auf Algensalat – schließlich war ich an der Nordsee und wollte so viel Fisch wie möglich essen. Zum Nachtisch gab es ein Sesameis, ein eher herzhaftes Eis mit Sesamkörnern und einer kleinen Pipette mit extra Sesamöl zum drüber träufeln. Selbst die Teller waren besonders: Einige waren gebogen und andere hatten sogar eine Mulde in die genau eine Eiskugel passte. Definitiv das richtige Restaurant um stielvoll und entspannt zu speisen.

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Bild: Auf der Terrasse des Restaurants.

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Bild: Sesameis.

Gut gestärkt fuhren wir weiter zum Onesco-Weltnaturerbe Wattenmeer Besucherzentrum]– kurz Wattenmeerhaus genannt. Die Ausstellungsräume befinden sich in einem futuristischen Gebäude, dessen Glasfassade ein Bild des Watts zeigt. Parallel zu unserer Führung wurde auch ein Kindergeburtstag veranstaltet. Viele kulturelle Einrichtungen in der Region scheinen sich darauf zu spezialisieren, spezielle Angebote für verschiedene Zielgruppen zu entwickeln.

Zuerst bestaunten wir eine Reliefplatte mit Umrissen der verschiedenen Walarten. Gegenüber dem heimischen Schweinswal, der nur geringfügig größer ist als ein Mensch, erschienen Blau und Pottwale gigantisch. Diese größeren Exemplare verirren sich gelegentlich an die Nordseeküste, da ihre Orientierung von Störgeräuschen beispielsweise den Signalen von U-Booten beeinträchtigt wird. Viele dieser Wale stranden und verenden qualvoll, trotz zahlreicher Bemühungen sie wieder ins offene Mehr zu transportieren. Spontan viel mir das Lied „Schieb den Wal zurück ins Meer“ von den Toten Hosen ein und es dauerte mehrere Minuten diesen lästigen Ohrwurm wieder zu vertreiben – schließlich ist es äußerst unangebracht eine fröhliche Melodie vor sich hin zu summen, wenn es um sterbende Tiere geht.

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Bild: Wir betasten die Reliefplatte.

Als nächstes inspizierten wir ein zweiundzwanzig Meter langes Blauwalskelett. Die bleichen Rippen waren gigantisch und fühlten sich glatt und eben an. Die Zähne im riesigen Unterkiefer waren nicht besonders spitz aber fast so groß wie meine Faust. Die inneren Organe und ein Stück Haut mit diversen Fettschichten waren neben dem Skelett ausgestellt, nur das Herz von einem Meter Durchmesser befand sich wieder zwischen den Rippen. Die Organe wurden von Gunther Von Hagens (dem Erfinder der Körperweltenausstellungen) plastiniert. Diese Plastinate sehen gleichzeitig echt und sogar ästhetisch aus. Sie fühlen sich an wie gummiertes Plastik und man kann die vershiedenen Bestandteile detailliert fühlen.

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Bild: Ich vor dem Walskelett.

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Bild: Das Herz des Wales zwischen den Rippen. Es hat einen Durchmesser von einem Meter.

Fasziniert lief ich an dem Skelett entlang und fühlte mich wie Pinocchio der von einem Wal verschluckt wurde und eine Weile in ihm lebte. Gedankenverloren berührte ich etwas langes, schwarzes an der Unterseite des Tieres und begriff nach einigen Sekunden, dass es sich um den Penis handelte. Etwas peinlich berührt zuckte ich zurück, da meiner Meinung nach selbst ein plastinierter Wal irgendwie ein Recht auf Privatsphäre hat. Natürlich sind Scham und individuelle Würde von Menschen erfundene Ideale, aber trotzdem…

In der ersten Etage durften wir einen ausgestopften Babyseehund anfassen. Wegen dem lauten Schreien nach ihrer Mutter werden diese auch Heuler genannt. Das Fell des Heulers war überraschend weich und heller als man es aus Fernsehdokumentationen kennt, aber dieses Exemplar war trocken und lebende Seehunde sind eigentlich ständig nass, wodurch sie dunkler wirken.

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Bild: Ausgestopfter Babyseehund.

Daneben gab es einen Knutt – ein kleiner grauer Vogel mit spitzem Schnabel. Dieser unscheinbare Vogel fliegt 5000 Kilometer von Afrika zur Nordseeküste, ohne irgendwo länger zu rasten. Dabei sinkt sein Gewicht von 190g auf 100g. Am Meer angekommen frisst er sich ungefähr einen Monat lang mit täglich 700 kleinen Muscheln voll, bevor er weitere 5000 Kilometer nach Sibirien fliegt. Unglaublich Energieeffizient und es muss hunderttausende von Muscheln geben, um all diese Vögel satt zu bekommen. Nach der Führung fuhren wir auf die Dachterrasse von der wir den Strand sehen konnten.

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Bild: Der Knutt und Ich.

Die Rettungsaktion

Am Strand angekommen war ich die einzige, die Schwimmen gehen wollte. Ich liebe das Meer und dies war mein erster Besuch an der Nordsee. Ich bin eine gute Schwimmerin und finde mit meinem Sehrest auch immer zurück an die Küste, das Problem ist nur, dass ich oft nicht dort rauskomme wo ich rein gegangen bin, Oma und Caro liefen am Strand entlang und wollten mich rufen, wenn sie mich aus dem Wasser kommen sahen. Also schwamm ich los. Das Wasser war angenehm warm, kleine Wellen umspülten mich und ich vergaß alles um mich herum. Nach einer Weile sah ich ein Segelboot, das ziemlich nah heran kam und mich umkreiste. Ich schaute mich um und bemerkte, dass die Wellen der ausgehenden Tide mich weiter vom Land weggetragen hatten als erwartet. Links von mir war plötzlich eine Steinmauer, die mir vorher nicht aufgefallen war. Ich blieb seltsam ruhig und begann an der Mauer entlang in Richtung Strand zu schwimmen. Die Strömung war gegen mich und teilweise hatte ich das Gefühl, überhaupt nicht vorwärts zu kommen.

Irgendwann sah ich jemanden auf der Mauer stehen und winken Ich schwamm näher und ein Mann rief, er würde mir jetzt einen Rettungsring zuwerfen. Einen Rettungsring? Ich verstand überhaupt nicht wozu ich einen Rettungsring brauchen sollte und brüllte zurück: „Ich brauche keinen Rettungsring. Da vorne ist doch der Strand oder?“

Der Mann zeigte in irgendeine Richtung und ich beschloss einfach weiter an der Mauer entlang zu schwimmen. „Mein Retter“ lief weiter auf der Mauer neben mir her. Nach einigen Minuten rief er, rechts von mir wäre eine Leiter und ich solle dort hochklettern. Also stieg ich ein paar steile Eisenstufen hinauf, schließlich hatte der Mann bestimmt etwas Besseres zu tun als neben mir herzulaufen und so langsam hatte ich keine Lust mehr weiter zu schwimmen.

Auf der Mauer angekommen entdeckte ich, dass der Mann kein Passant oder jemand von der DLRG war, sondern ein Polizist. Er war offensichtlich kurz davor gewesen ins Wasser zu springen, da er bereits seine Schuhe ausgezogen, den Gürtel abgelegt und die Taschen geleert hatte. Am Straßenrand waren ein Polizeiauto und ein Rettungswagen geparkt. Ein Sanitäter kam auf mich zu und fragte, ob ich medizinische Hilfe bräuchte. Ich schüttelte verblüfft den Kopf und fühlte mich wie in einer shlechten Fernsehserie.

Der Polizist fragte, warum ich denn in die Fahrbahn der Schiffe geschwommen sei und als ich antwortete, dass ich sehbehindert bin und das nicht gesehen hätte, ließ er die Sache auf sich beruhen. Als er meine Personalien aufnahm kamen Caro und Oma angerannt und hielten mir eine Standpauke, was ich mir denn dabei gedacht hätte über eine Stunde im Wasser zu bleiben und so weit raus zu schwimmen. Langsam begriff ich, dass das Ganze wohl doch gefährlicher gewesen war, als ich gedacht hatte und bekam ein schlechtes Gewissen. Hoffentlich muss ich den Polizeieinsatz nicht bezahlen.

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Bild: Das Meer mit Hafen.

Wir lehnten das Angebot ab mit dem Polizeiauto zum Strand zurück zu fahren und als wir uns auf den Rückweg zu unserm Strandkorb machten, erzählten mir Oma und Caro, wie der ganze Strand nach mir Ausschau gehalten hatte, wie die Einheimischen sie vor der Strömung gewarnt hatten und wie sie letztendlich den Notruf auslösten.

Nach all der Aufregung gingen wir in ein Strandcafé, Oma bekam einen Schnaps und allmählich fingen wir an dumme Witze über den Vorfall zu machen. Zum Beispiel wollte jemand wissen, warum ich mich nicht von dem gutaussehenden Polizisten retten lassen habe.

Am Abend veranstalteten wir einen Grillabend in der Jugendherberge und je öfter die Geschichte meiner Rettungsaktion erzählt wurde, desto aufregender schien sie zu werden. Oma erteilte mir Badeverbot für den Rest des Urlaubs und ich bekam den Spitznamen Miss Baywatch. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob das ein Kompliment ist.

Freitag 19. September 2014: Warum ist das Bad Zwischenahner Meer nicht Salzig?

Ostfriesland liegt an der Nordsee, dort redet man Plattdeutsch und Trinkt Tee mit Sahne und Kandiszucker… Das war so ungefähr alles, was mir spontan zu Ostfriesland einfiel und ich entschied, dass in diesem Fall keine Vorbereitung die beste Vorbereitung war, nominierte meine Oma als Reisebegleitung, setzte mich in den Regionalzug – genauer gesagt in vier Züge – und schon war ich in Bad Zwischenahn.

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Bild: Meine Oma und Ich.

In der Jugendherberge  angekommen,  bezogen Oma und ich zuerst unser Zimmer, welches mit zwei Doppelstockbetten, Schrank, Tisch und Stühlen ausgestattet war. An den Hauptraum schlossen sich eine Terrasse und ein Bad an. Die Dusche war ebenerdig, leider gab es keine Haltegriffe an den Wänden, wodurch die Zimmer eher nicht für Rollstuhlfahrer geeignet sind.

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Bild: Ein einstöckiges, rotes Gebäude der Jugendherberge.

Anschließend schlenderten wir durch das weitläufige Gelände, wo es Schaukeln, eine Kinderseilbahn, Sportfelder und jede Menge grün gab. An einem kleinen Steg dümpelten Segelboote und einige Surfer schoben sich gegenseitig durch das nahezu windstille Wasser. Ich war begeistert – eine Unterkunft direkt am Meer! Kurzerhand beschloss ich, vor dem Abendessen noch schnell schwimmen zu gehen.

Der Boden war sehr schlammig und das Wasser blieb lange zu flach zum Schwimmen. Ich tauchte unter und wunderte mich, warum dass Wasser kein bisschen salzig war. Ich trank einen Schluck – nein, definitiv kein Salzwasser.

Zum Abendessen trafen wir uns alle im Strandcafé, dass etwa eine Viertelstunde Fußweg von der Herberge entfernt ist. Wir hatten die Wahl zwischen Essen á la Card oder Fischbuffet.

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Bild: Ein liebevoll angerichteter Teller mit Räucheraal auf Brot.

Über einem Riesenteller Fisch-Mix gab ich meine Entdeckung – ein unsalziges Meer gefunden zu haben – zum Besten und erfuhr, dass es sich beim Bad Zwwischenahner Meer überhaupt nicht um ein Meer sondern um einen See handelt. Also wirklich Süßwasser! Ich war verwirrt: Warum heißt es denn dann Meer? Immerhin ist es ein ziemlich großer See, es fahren Boote drauf und ich hatte ein erfrischendes Bad.

Ich liebe Geschichten und die Entstehungssage des Zwischenahner Meers gefällt mir besonders gut: Der Legende nach war der Teufel einst so zornig darüber, dass in Oldenburg die erste Kirche der Welt gebaut werden sollte, dass er einen Wald ausriss um ihn nach Oldenburg zu schleudern. Glücklicherweise verfehlte das teuflische Wurfgeschoss sein Ziel und die Kirche wurde trotzdem gebaut. Das große Loch wo einst der Wald gewesen war füllte sich mit Wasser und wurde das Zwischenahner Meer. Da hat sich der Teufel wohl im Detail vertan.

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Bild: Einige Teilnehmer der Reisegruppe.

Den Rest des Abends verbrachten wir auf der Terrasse des Restaurants und lernten die anderen Teilnehmer_Innen in ungezwungenen Gesprächen kennen. Natürlich durfte ein großes Jever nicht fehlen. Als es kühl wurde, brachte mir eine Kellnerin sogar eine Decke – dass nenne ich Service! Wiebke und Caro von Ostfriesland.de teilten das Survival-Paket für die nächsten Tage aus: Eine praktische Stofftasche mit Regenschirm, Sonnenmilch, Desinfektionsspray, einem ostfriesisch Wörterbuch, nützlichen Prospekten, Schreibutensilien und einer Mütze. Ausgestattet mit dieser Ausrüstung und umgeben von einem bunt gemischten Haufen reiselustiger Leute, war ich mir sicher, das wird ein tolles Wochenende!

Meine Bloggerreise Barrierefreies Ostfriesland: 19. bis 23. September 2014

Über eine Mailingliste für Blinde und Sehbehinderte Reisefreunde flatterte vor Monaten eine Ausschreibung von Ostfriesland.de in meinen überfluteten Posteingang. Gesucht wurden Blogger, die Tourismusangebote in Ostfriesland auf ihre Barrierefreiheit testen. Bewerben sollten sich hauptsächlich Menschen mit Behinderung, Senioren und Familien mit Kindern. Eine eigenartige Mischung? – Finde ich nicht, denn Barrierefreiheit ist ein vielseitiges Thema und je mehr Menschen an ihrer Umsetzung beteiligt sind, desto besser. Also bewarb ich mich mit meinen Rezensionen von ARTI-Leipzig, einem alternativen Kulturmagazin, und bekam überraschenderweise eine Zusage.

In den folgenden Beiträgen berichte ich von meinem verlängerten Wochenende in Bad Zwischenahn und auf Langeoog.