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Montag 22. September 2014: Ab auf die Insel

Titelbild: Oma und ich in einem Strandkorb

Für Montag war ein Besuch auf der Insel Langeoog geplant. Allerdings hatte es die ganze Nacht hindurch in Strömen geregnet und am Morgen peitschte der Wind immer noch ungemütlich und kalt gegen die Fenster, sodass wir uns auf einen verregneten Ausflug vorbereiteten, falls die Fähre überhaupt fahren würde..

Das Schiff verließ den Bensersieler Hafen jedoch planmäßig und sobald wir das Festland hinter uns gelassen hatten verschwanden die Wolken und es wurde ein trockener, wenn auch kalter Tag. Leider wurde die Vogelführung, die auch für Blinde und Sehbehinderte geeignet sein soll, wegen der hohen Regenwahrscheinlichkeit abgesagt. Vom Inselhafen fuhren wir mit der Inselbahn ins ungefähr 3km entfernte Zentrum. Pferdekutschen stehen auch bereit. Bei einem Fahrradverleih entdeckte ich neben einem Rad für Rollifahrer auch ein Tandem, definitiv ein Grund bald wieder zu kommen.

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Bild: Oma und ich vor einem pinken Wagen der Inselbahn.

Langeoog hat 2.150 Einwohner, ist circa 20km^2 groß und es gibt einen 14km langen, von Dünen gesäumten Sandstrand. Die durch die Abwesenheit von Privatautos entstandene Ruhe ist ungemein entspannend. Man hört Wellen, den Wind, Vogelgezwitscher und Menschen, die ihren Beschäftigungen nachgehen, aber nahezu keine Motoren. Es gibt eine sehr informative Broschüre über alle barrierefreien Angebote auf der Insel. Die meisten davon richten sich an Rollifahrer (eine Auflistung rollstuhlgerechter Freizeitangebote und Einrichtungen sowie Infos über die Ausleihe von Strandmobilen), aber es gibt auch Hinweise zu Speisekarten in Blindenschrift und Restaurants, die Speisen für Diabetiker anbieten.

Wir liefen am Strand entlang und bewunderten die unendliche Weite der Nordsee. Leider hatte ich immer noch Badeverbot wegen der Rettungsaktion in Wilhelmshaven. Dafür sammelte ich etwas Sand für unsere Sandsammlung: Meine Mutter und ich füllen Sand von verschiedenen Stränden in kleine Glasfläschchen, beschriften sie mit Ort und Datum, und stellen sie in ein Regal. Wir haben schon eine beachtliche Sammlung, nicht zuletzt weil uns Freunde Sand aus dem Urlaub mitbringen. Das nenne ich ein preiswertes Mitbringsel.

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Bild: Ich sammle Sand in einer Plastiktüte.

Nach einem Besuch des Wasserturms, der die Trinkwasserausstellung beherbergt schlenderten wir durch das Inselzentrum mit seinen bunten Geschäften, Cafés und Strandkörben, die zum Verweilen einladen.

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Bild: Ich und die Figur eines Seemanns.

Bevor wir mit der letzten Fähre zum Festland zurück kehrten, besuchten Oma und ich die Ostfriesische Teestube in einem Schilf gedeckten Haus am Hafen, wo wir Schwarztee nach ostfriesischem Brauch tranken. Wir bekamen eine hübsche Porzellankanne mit Stövchen, in der der kräftige Schwarzee aus losen Blättern gebrüht wurde und niedliche Tässchen. Zuerst legt man einen Kandiszuckerklumpen (Kluntje) mit der Zuckerzange in die Tasse und gießt dann den Tee darauf, wodurch der schmelzende Zucker knistert. Zum Schluss wird vorsichtig ein Löffel Sahne vom Tassenrand aus hinzugegeben. Idealerweise entsteht dabei ein Sahnewölkchen. Traditionell wird der Tee nicht umgerührt, damit man die verschiedenen Schichten genießen kann. Drei Tassen sind Friesenrecht und wer keinen Nachschlag möchte, signalisiert dass, indem er / sie den Löffel in die Tasse stellt. Ostfriesland ist die einzige Teetrinkerregion Deutschlands.

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Bild 1: Ich mit einem Kluntje in der Zuckerzange. Bild 2: Die schilfgedeckte Teestube.

Wir verbrachten eine zweite Nacht in der gemütlichen Pension Friesenruh, bevor uns der Besitzer Herr Schäfer freundlicherweise Dienstagmorgen zur Bushaltestelle fuhr, von wo aus wir erst nach Norden und dann mit dem Zug nach Hause fuhren.

 An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bei den Veranstalterinnen von Ostfriesland.de und den anderen Mitreisenden bedanken. Danke für ein unvergessliches Wochenende, wir kommen bestimmt bald wieder!

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Sonntag 21. September 2014: Der Park der Gärten und die Qual der Aale

Titelbild: Ich neben einem Heckensessel mit rosa Kissen.

Nach dem Frühstück packten wir unsere Sachen und nahmen Abschied von der Jugendherberge. Heute standen ein Besuch im Park der Gärten und ein kleiner Stadtrundgang durch Bad Zwischenahn auf dem Programm.

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Bild: Sträucher im Park

Der Park ist durch seinen systematischen Aufbau für Blinde allein begehbar. Es gibt einen Hauptweg von dem Abzweigungen zu den verschiedenen Themengärten führen und die Wege sind breit und eben. Nach einer Weile zerstreute sich unsere Gruppe und wir schlenderten entspannt durch die Gärten. Ich fand eine von kunstvoll verschnittenen Hecken umgebene Sitzecke mit einer bequemen Holzbank und blieb dort eine Weile sitzen um dem Plätschern eines Springbrunnens, Vogelgezwitscher und dem Rauschen des Windes in den Blättern zu lauschen.

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Bild: Ich neben der Figur einer Schwimmerin, die mich schmerzhaft an mein Badeverbot erinnerte (siehe letzter Beitrag).

Obwohl der Sommer fast schon vorbei war, leuchteten viele Blumen und bunte Sträucher zwishen dem Grün hervor. Neben heimischen Bäumen und Kräutern gab es auch exotischere Pflanzen wie einen stattlichen Esskastanienbaum und palmenartige Gewächse. Im Vorbeigehen roch ich an Blüten und befühlte unterschiedliche Blatt – und Blütenformen. Auf einer Lichtung standen Kisten mit verschiedenen Kürbissen und an kleinen Ständen wurden Naturprodukte aus dem Garten angeboten. Gelegentlich begegneten wir Skulpturen und lustigen Figuren. Besonders gut gefiel mir eine komplette Sitzgarnitur, die jemand aus einer Hecke herausgeschnitten hatte. Leider durfte man sich nicht darauf setzen, aber die Idee ist toll.

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Bild 1: Ein Lika Schwein und ich. Bild 2: Kisten mit unterschiedlich geformten Kürbissen.

Im Garten der Sinne gab es besonders viel zu hören und zu fühlen. Wir hatten viel Spaß mit einem begehbaren Glockenspiel. Es bestand aus mehreren quadratischen Fließen, die unterschiedliche Töne erzeugten, wenn man auf ihnen herumhüpfte. Es entstanden sogar einige harmonische Melodien. Daneben befanden sich Duftmühlen. Außer Gewürznelken und geräuchertem Aal erriet ich so gut wie gar keinen Duft. Ich bin wohl der Beweis dafür, dass Blinde und Sehbehinderte Menschen nicht unbedingt besser riechen können. Auch bei dem Versuch Baumarten anhand ihrer Rindenbeschaffenheit zu erraten shnitt ich nicht viel besser ab.

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Bild: Die Duftmühlen

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Bild: Ich versuche Baumarten anhand ihrer Rinde zu erraten.

Die Pflanzen im Kräutergarten waren sowohl mit Brailleschrift als auch mit Reliefschrift versehen. Oft wird gesagt, dass eins von beidem ausreichen würde, aber tatsächlich können besonders spät erblindete Menschen keine Brailleshrift und umgekehrt lernen Geburtsblinde oftmals nicht die „normalen“ Buchstaben, wodurch sie mit Reliefschrift nichts anfangen können.

Besonders beeindruckt waren wir von einem Springbrunnen der von Blinden entworfen wurde und dessen genaue Funktionsweise auch nur Blindenschriftleser entschlüsseln konnten, da es keine Bedienungsanleitung in Schwarzschrift gab. An jeder Ecke des viereckigen Beckens gab es eine Metalskulptur mit Kerben und abstrakten Verziehrungen. Nachdem wir eine Weile gewartet hatten und immer noch kein Wasser zu sehen war, fingen wir an mit den Fingern gegen die Skulpturen zu drücken, wobei wir zufällig Sensoren auslösten, die eine der Fontänen zum Sprudeln brachten. Besonders gemein war eine Fontäne, die nicht in das Becken spritzte, sondern sich direkt über die Person ergoss, die den zugehörigen Sensor aktiviert hatte. Ausreichend nass und gut gelaunt verließen wir den Park wieder.

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Bild: Hans und Ich werden von der fiesen Fontäne getroffen.

Bei einem kurzen Rundgang durch den Bad Zwischenahner Kurpark erfuhren wir so allerlei Wissenswertes über Bad Zwischenahn und die Region. Zum Beispiel wie der beliebte Räucheraal entstand: Der Legende nach hängten sich einst zwei Aale an die Dachbalken einer Schilf gedeckten Scheune, wo sie die halbe Nacht sangen und Geschichten erzählten. Nachdem beide eingeschlafen waren schlug ein Blitz in die Scheune ein und sie brannte bis auf die Grundmauern ab. Am nächsten Morgen kam der Bauer und betrauerte seine Scheune. Als er so niedergeschlagen durch die Trümmer lief, fand er die beiden Aale, die durch den Brand geräuchert waren und probierte ein Stück. Der Räucheraal schmeckte dem Bauern so gut, dass er ihn selbst zubereitete und auf dem Wochenmarkt verkaufte. So entstand das Leibgericht der Bad Zwischenahner. Eine wirklich schöne Geschichte, solange man sich nicht fragt, seit wann sich Aale wie Fledermäuse verhalten und wie es möglich ist, dass das ganze Haus abbrennt, der Fisch aber nur geräuchert wird. Zum Abschluss des Rundgangs probierten wir Löffelschnaps: Wie der Name schon sagt ein Schnaps der in einem Löffel serviert wird. Dazu gibt es natürlich passende Trinksprüche auf Plattdeutsch.

Mittag aßen wir in der Wandelhalle, in der sich auch die Touristikinformation befindet. Ich bestellte den viel erwähnten Räucheraal (zum Glück ohne hochgradige Verbrennungen) und Bratkartoffeln für den kleinen Hunger. Die Portion für den kleinen Hunger entpuppte sich aber meiner Meinung nach als eine ziemlich große Portion. Mich hätte interessiert wie das ganze für den großen Hunger ausgesehen hätte.

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Bild: MS Bad Zwischenahn.

Zum offiziellen Abschluss des Wochenendes schipperten wir auf der MS Bad Zwischenahn übers Zwischenahner Meer. Ein sympathischer Sprecher erzählte uns von den Sehenswürdigkeiten, die rechts und links am Ufer zu sehen waren und ich verlor den Kampf gegen ein sehr leckeres aber viel zu mächtiges Stück Rababerkuchen.

Ich hätte mir gerne ein Moorbad gegönnt, mich im Maislabyrinth verlaufen, oder eine der Mühlen besucht, aber leider war dafür nicht mehr genug Zeit. Übrigens steht auch die Rügenwalder Mühle, das Wahrzeichen des Wurstherstellers in Bad Zwischenahn. Sie wurde übrigens erst nachträglich gebaut, weil viele Leute wissen wollten, wo denn diese berühmte Mühle tatsächlich steht und dann enttäuscht waren, dass es sie gar nicht gibt. Jetzt sieht man dort Familien, die genüsslich Teewurstbrote mampfen. Für mich als Vegetarier definitiv eins meiner nächsten Reiseziele.. Es lohnt sich auf jeden Fall wieder nach Bad Zwischenahn zu kommen, das nächste Mal mit dem Tandem, da die Region sehr flach ist und ein gutes ausgebautes Netz von Rad –und Wanderwegen vorhanden ist.

Am späten Nachmittag setzte uns Isabel in Bensersiel ab, von wo aus ein Großteil der Reisegruppe am nächsten Tag die Fähre nach Langeoog nehmen wollte. Da es draußen nasskalt und stürmisch war und es in Bensersiel nicht allzu viel anzuschauen gibt, verschwanden wir zeitig in unseren Betten in der beschaulichen Pension Friesenruh.